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„Wir richten scharf und herzlich! –
Eine Jahrhundert-Revue des deutschen Kabaretts“

 

Mit Jo van Nelsen, Cornelia Niemann und Sabine Fischmann

 

Regie und Zusammenstellung: Jo van Nelsen
Musikalische Leitung: Sabine Fischmann
Regisassistenz: Lena Brodersen
Kostüme: Nadine Anne Blum
Technik: Kai Bilges
Premiere: 23.06.2001
Eine Produktion der Burgfestspiele Bad Vilbel und der Alten Mühle Bad Vilbel.
Wiederaufnahme bei den Burgfestspielen 2002 und Gastspiele.

 

Inhalt

1901 machten sich der blaublütige Freiherr Ernst von Wolzogen in Berlin und eine Gruppe junger Bohemièns in München daran, das zu kopieren, was ihnen bei Besuchen in Paris so gut gefallen hatte: Cabaret! In den winzigen Kellerkneipen des Monmartre ließ man sich gerne vom Meister des sozialkritischen Chansons, Aristide Bruant, beschimpfen: „Na, ihr blöden Fressen! Dreckhaufen! Hierher, meine Damen, hierher. Neben den kleinen Dicken da. Das geht doch sehr gut, sitzen ja nur fünfzehn Mann auf der Bank! Was? Mein Gott, dann kneift ihr halt die Arschbacken noch´n bisschen zusammen...!“ Hier war etwas Neues, Aufregendes zu erleben: Künstler zum Anfassen! Gossensprache in Musik verpackt! Sichtbare Missstände schockierend offen ausgesprochen!

Dass das im kaiserlichen Deutschland nicht ganz so nass-forsch daher kam, dafür sorgte schon von Anbeginn die allgegenwärtige Zensur. Und so wurde es dem ersten Münchener Kabarett, den „Elf Scharfrichtern“, oft schwer gemacht, das umzusetzen, was sie jeden Abend ungebrochen aufs Neue in ihrem Auftrittslied verkündeten: „Wir richten scharf und herzlich!“

Dieses Motto hat Jo van Nelsen als Titel für seinen Streifzug durch 100 Jahre deutsche (Kabarett-) Geschichte gewählt. Denn tatsächlich kennt das Kabarett viele Formen der Geschichtsbeschau: Die scharf-kritische Analyse, wie den herzlich-satirischen Fingerzeig – den unverstellten Prosatext, wie die mondäne Chansonlyrik. Kaum eine andere Kunstform stellt sich so farben- und variantenreich dar, arbeitet auf so unterhaltsame Art Zeitgeschichte auf.

Zusammen mit den Kabarettkolleginnen Cornelia Niemann und Sabine Fischmann geht Jo van Nelsen auf Spurensuche und fördert erstaunlich Unverbrauchtes zu tage: Von den ersten Gehversuchen zwischen „Tantenmord“ und kaiserlicher Ergebenheitsadresse, von dadaistischer Weltkriegsepilepsie bis zu sexuell Anrüchigem der Zwanziger Jahre, vom nationalsozialistischen Lob auf die deutsche Laugenbrezel über anrührende Verse aus den KZ-Kabaretts, von satten Wirtschaftswunderkindern und deren rebellierenden Sprösslingen, von Lübkes Helmstedt-Lapsus über falsche DDR-Romantik bis zum Realtiy-TV des Millenium-Zeitalters -  all dies sind Stationen der 90-minütigen Jahrhundert-Revue, ein par-force-Ritt durch Gefühle und Erinnerungen zum Lachen, Schmunzeln, Nachdenken.


Biographien

Cornelia Niemann schreibt seit 1985 Frauenkabarett-Geschichte. Nach ihrer Schauspielausbildung an der Münchener Otto-Falckenberg-Schule spielt sie u.a. unter so bedeutenden Regisseuren wie Hans Neuenfels und Peter Palitzsch am Schauspiel Frankfurt. 1980 ist sie Mitbegründerin der legendären „schlicksupp teatertrupp“, die sie 1985 für eine Solokarriere als Kabarettistin verlässt. Zumeist im Duo mit der Musikerin Annemarie Roelofs entstehen die verschiedensten Programme, u.a. „Fettige Gesänge“ (1985), „So allein, Madame?“ (1987), später dann „Solo im Supermarkt“ (1990) und „Das Händchen, das die Mutter schlägt“ (1996). Niemann gehört zu den profiliertesten Vertreterinnen eines nichtdoktrinären, selbstironischen Frauenkabaretts in Deutschland. Für diese Leistung erhält sie 1999 den Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt. Neben ihrer schauspielerischen Tätigkeit bei Bühne, Funk und Fernsehen entstand als letztes Solo-Programm „Give me schnell a kiss – Ein alleinstehendes Operettenkabarett“ (2001). Seit dem Jahr 2003 gastiert sie vermehrt am Stadttheater Münster, u.a. in der Titelrolle des Musicals „Hello Dolly“.

Sabine Fischmann absolvierte ihr Klavierstudium, sowie seit 1999 das für sie geschaffene Aufbaustudium Chanson-Gesang an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Sie gewann mehrfach erste Preise bei „Jugend musiziert“ und Auszeichnungen im Bereich Kammermusik und zeitgenössische Musik. Dem Schauspiel Frankfurt stand sie als Korrepetitorin und Pianistin zu Verfügung, ebenso verschiedenen Solisten im Bereich Chanson. Sie ist Mitglied der Frankfurter Theatergruppen „Ensemble Apart“ und „Trio Kujon“, sowie des „Neuen Frankfurter Schulorchesters“. Sabine Fischmann wirkte bei zahlreichen Theater- und Musikfestivals, CD-, Rundfunk- und TV-Produktionen mit. „Wir richten scharf und herzlich“ war ihre erste professionelle Produktion. Inzwischen gilt sie als Shooting-Star der Kleinkunstszene Rhein-Main.


Pressestimmen

„Es ist der feine Humor auf einem literarischen Niveau, für den sich Jo van Nelsen interessiert. (...) Die Abfolge von Chansons, Kurzszenen und einigen O-Ton-Schnipseln ist kundig und mit leichter Hand gefügt. Jo van Nelsen (...) kann sich bei seinem Regiedebüt auf ein souveränes Gespür für dramaturgische Wirkungen verlassen. Alles ist präzise erarbeitet. Das Trio – die Pianistin Sabine Fischmann verfügt auch als Sängerin und Schauspielerin über eine beachtliche Bühnenpräsenz – ist fabelhaft aufeinander eingespielt und versteht sich prächtig auf eine nuancenreiche komische Darstellung. Ein nostalgiefreier Rückblick ohne Durchhänger.“

Stefan Michalzik, in: „Frankfurter Rundschau“, 26.06.2001

 

„Das Lachen musste einem allerdings insbesondere bei den Nummern aus der Zeit des Nationalsozialismus gelegentlich im Halse stecken bleiben, wobei van Nelsen, der mit der Produktion seine Debüt als Regisseur gab, sicheres Gespür für die Auswahl der literarischen Vorlagen bewies. So glitt das Programm nie in moralinsaure Polemik ab, sondern war von bisweilen beklemmender Eindringlichkeit, was angesichts der hochkarätigen Texte nicht anders zu erwarten war. Aber auch die souveräne Ausdruckskraft der drei Akteure (...) hielt den anspruchsvollen Vorlagen stand. Meisterhafte Vorlage und ebenbürtiger Vortrag: van Nelsen mit Dieter Hildebrandts „Der Mond ist aufgegangen“, in dem Helmut Kohl Matthias Claudius spricht. Volker Pispers Satire über die gesponsorte Geiselnahme, bei der Polizisten und Gangster Markenaufdrucke tragen, rundete die Revue über eine Kunstgattung ab, die als spritziger Rückblick in die Geschichte anspruchsvolle Unterhaltung bot.

 Frankfurter Rundschau, 03.08.2001

 

„Jo van Nelsen hat einhundert vergangene Kabarettjahre durchgewühlt und Szenen zum Vorschein gebracht, die überraschend wenig Staub angesetzt haben. (...) Was [er] zu Tage gefördert hat, ist witzig, anrührend und wahr. Dieses Stück Kulturgeschichte schafft eine tragfähige Brücke zur politischen und gesellschaftlichen Vergangenheit. Cornelia Niemann und Sabine Fischmann wuchern unter der Regie von Jo van Nelsen mit ihren künstlerischen Pfunden und es entsteht eine kurzweilige Revue. Der Blick in die ruhmreiche Vergangenheit wird zum Boxenstopp, um neue High-Speed-Reifen aufzuziehen. Denn wenn auch Politik und Wirtschaft beschleunigen, die Kabarettisten werden sie nicht davonziehen lassen.“

Ulrike Krickau, in: „Main Echo“, 27.06.2001

 

„Den zynischen Genuss, den die drei Künstler den Chansons abgewannen, erzielten sie durch die messerscharfe und nachdrückliche Umsetzung, die mit wenigen Requisiten die Stationen der deutschen Geschichte skizzierte. Da tanzten Niemann und van Nelsen mit der SS-Fahne in  der Hand den „Carmen“-Tango zu Friedrich Hollaenders „An allem sind die Juden schuld“ und lockte Sabine Fischmann in Werner Lindemanns „Jetzt bist du in der LPG“ mit der Zwangskollektivierung durch die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft.“

Neue Presse, Taunus-Nord-Ausgabe, 25.02.2002

 

„100 Jahre deutsches Kabarett: Ein Jubiläum, das geradezu zwingend nach einem Resümee verlangt. Jo van Nelsen, Sabine Fischmann und Cornelia Niemann haben die Herausforderung angenommen und brillierten mit ihrem Programm „Wir richten scharf und herzlich“ vor einem begeistern Publikum im gut besuchten Hagener Stadttheater. (...) Die Jahre seit der Geburtsstunde des Kabaretts – am 18.Januar 1901 eröffnete das erste deutsche Kabarett-Theater in Berlin – durchlaufen die drei mitreißenden Darsteller in klassisch-kabarettistischer Manier. Wenn es die überhaupt gibt. Das bunte Durch- und Nebeneinander der Formen – ob Chansons, Schlager oder Poesie – beherrschen die Künstler perfekt. (...) Die drei fegen über die Bühne, dass es ihren Vorbildern im Kampf gegen die deutsche Obrigkeit sicher Freude bereitet hätte. (...) Eine Jahrhundertrevue, die Freunden des Kabaretts einen Abend voller historischer Glanzstücke beschert.“

 Westfalenpost, Hagen, 01.10.2001

 

„Die Identitätssuche der Deutschen nahm am letzten Mittwoch im Rahmen des Hanauer Kultursommers der Sänger und Rezitator Jo van Nelsen auf die kabarettistische Schippe. Der schonungslose Blick, die bissigen Texte, mit denen van Nelsen analysierte, amüsierte die Besucher, die den Humor der spitzen und gespaltenen Zunge lieben. Ohne seine galante Hülle jemals abzunehmen, stach er in das Rückenmark der Wellenreiter. Ganz anders ein Bühnenkompagnon, die Schauspielerin und Kabarettistin Cornelia Niemann. Mit sarkastischem Zynismus brach sie mit der Urgewalt eines Dampfhammers auf die Zuschauer ein. Ihre Couplets und Chansons erinnerten stark an die Hoch-Zeit dieses Genres. Ausdrucksstark und kämpferisch dargeboten. Eine temperamentvolle und begeisterungswürdige Vorführung im Wilhelmsbadener Comoedienhaus, die den Biss der großen Tage der Polit- und Szene-Satire noch nicht verloren hat.

Gelnhäuser Neue Zeitung, 09.08.01