„Hommage an Valeska Gert: Solo für ein Mannequin von Grieneisen“

 

 

Sendung «Die Alternative », hr2 (geplant: 26.09.2002)

CD des Tages

„Hommage an Valeska Gert: Solo für ein Mannequin von Grieneisen“

(LC 11984 – Edition Musenkinder Hörbuch/ duo-phon; Best.No: 07 01 3; © 2002)

Autor: Jo van Nelsen

Redaktion: Renate Burtscher

TT Musik: 13.23 ( davon gehen ca. 30 sek ab durch Blenden)

TT Text:    05.13

           

 

SprecherIn:

„Ich bin eine Hexe“ verkündete sie selbstbewusst 1968 auf dem Titelblatt ihrer Memoiren – und sprach damit nur aus, was viele ihrer Zeitgenossen ohnehin schon lange von ihr dachten: Valeska Gert, Erfinderin der sozialkritischen Tanzpantomime, Kabarettistin, Barbesitzerin, Lebenskünstlerin. Im nächsten März jährt sich ihr Todestag zum 25.Mal. Anlass für das Label duo-phon schon jetzt eine Hörbuch-CD herauszubringen mit dem Titel: „Hommage an Valeska Gert: Solo für ein Mannequin von Grieneisen“ -  unsere CD des Tages. Der Autor Peter Eckhart Reichel stellt in dieser Hörcollage hauptsächlich Auszüge aus den diversen Memoirenbänden der Gert zusammen, die die Schauspieler Monika Hansen und Gerd Wameling höchst vergnüglich interpretieren. Besonders hervorzuheben ist aber, dass die wenigen Originalaufnahmen Valeska Gerts auf dieser CD nach genau 40 Jahren erstmals wieder zugänglich gemacht werden. Im November 1961 hatte der Fotograf Herbert Tobias seine mütterliche Freundin Valeska Gert in die Studios der Deutschen Grammophon zitiert, wo er sich zeitweise als Aufnahmeleiter verdingte. Ihm ist es zu verdanken, dass sich die skurrile Vortragskunst einer der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen, die ihre Wurzeln direkt bei den Dadaisten und Surrealisten hatte, wenigstens akustisch bis in unsere Tage erhalten hat.

 

Einspielung 1

Track 1: Valeska Gert: Berliner Type (Valeska Gert) – 03:18 (Achtung! Bitte ab 3:00 zügig ausblenden, da CD-Sprecherin direkt anschliesst!

 

SprecherIn:

Valeska Gert interpretierte ihren Text „Berliner Type“, zu hören auf unserer CD des Tages. Und eine Berliner Type war sie tatsächlich: 1890 in der Hauptstadt des Kaiserreichs geboren, entwickelte Valeska Gert schon früh ein Interesse für den Tanz. Ihre Bestrebungen wurden aber erst einmal von ihren Eltern gedämpft, die sie auf eine private Handelsschule schickten. Dort fiel die junge Exzentrikern mit selbstverfassten Reklameinseraten unangenehm auf, die etwa lauteten: „Sargfabrik verkauft prima Särge. Bei Abnahme eines großen Sarges erhält jeder Käufer einen Kindersarg.“ Überhaupt faszinierte Valeska Gert ihr Leben lang alles Morbide, wenn sie sich auch vor dem Sterben selbst fürchtete: „Ich wäre beinahe verrückt geworden“, schrieb sie rückblickend, „wenn ich nicht angefangen hätte zu tanzen.“ Und im Tanz geht sie ganz auf, schockiert ab 1917 die Gesellschaft mit ihren ausdrucksstarken Darstellungen, die sich mit nichts bis dahin Gesehenem vergleichen lassen: „Kupplerin“, „Tod“ oder „Canaille“ heissen ihre Tanzpantomimen, die sie zu einer „femme scandaleuse“ in dem an Skandalen nicht eben armen Kulturbetrieb der Zwanziger Jahren werden lassen. Bertolt Brecht gehört zu ihren Verehrern, sieht in ihr die Verkörperung seiner Theorie des Epischen Theaters. Und auch der stumme Film entdeckt Valeska Gert als einprägsame Type, wenn es darum geht, zwielichtige Kupplerinnen oder strenge Erzieherinnen darzustellen. Ein Sujet, dass sie, 71-jährig, auch in einem Chanson bediente:

 

Einspielung 2

Track 13 Valeska Gert: „Die strenge Erzieherin“ (Gert/Einegg/Heuberger) – 2:33 (Achtung! CD-sprecher schliesst schnell an; Vokalvortrag geht bis 2.32)

 

SprecherIn:

„Hommage an Valeska Gert“, unsere CD des Tages. Und bestimmt haben Sie die Musik dieses Chansons erkannt: „Gehen wir ins chambre separée“ aus der Operette „Der Opernball“ von Richard Heuberger war das. Ein Ulk, den sich Valeska Gert gerne und oft erlaubte, wie übrigens auch ihre im Typ vergleichbare Kollegin Lotti Huber, die den meisten Hörern noch besser in Erinnerung sein wird. Die Biographien der beiden Künstlerinnen weisen zudem erstaunliche Parallelen auf: Beide begannen als Tänzerinnen, mussten als Jüdinnen vor den Nazis fliehen, beide überlebten in der Emigration, in dem sie eine Bar aufmachten, beide kehrten nach 1945 nach Deutschland zurück und machten als „exzentrische Alte“ noch einmal Karriere. So wurde etwa Federico Fellini 1965 auf die Gert aufmerksam und besetzte sie in seinem Film „Julia und die Geister“. Bald meldete sich auch der französische und der neue deutsche Film, etwa mit Volker Schlöndorff, der sie als verrückte Aristokratin in seinem Film „Der Fangschuss“ einsetzet.

 

Einspielung 3

Track 11 Valeska Gert: „Ballerinnerungen einer Aristokratin“ (Strauss/Gert) – 2:18

 

Direkt dran:

 

Einspielung 4 

Track 7 Valeska Gert: „Die Spielerin“ (Einegg/Brüning/Gert) – 2.37 (Achtung! CD-Sprecherin schliesst schnell an, Blende ab 2.12 möglich und wünschenswert (Vokalvortrag zu ende))

 

SprecherIn:

Valeska Gert mit den „Ballerinnerungen einer Aristokratin“ und als „Spielerin“ – 2 Kabinettstückchen unserer CD des Tages „Hommage an Valeska Gert“ des Labels duo-phon. Mitten im deutschen Neureichen-Paradies Kampen auf Sylt liess sich die Remigrantin Gert in den 50er Jahren nieder und eröffnete ihre Kabarettkneipe „Ziegenstall“. Und mit ihrer Meinung über ihr Publikum hielt Valeska Gert auch nicht hinterm Berg; an den Wänden des künstlerisch gestalteten „Ziegenstalls“ hiess es: „Die Gäste sind wie die Ziegen, sie werden gemolken und meckern!“ Bis zu ihrem Tod im Jahre 1978 führte die Gert das Haus nach einem in ihren Vorgänger-Unternehmen „Beggars Bar“ in New York und „Hexenküche“ in Berlin erprobten Prinzip: Die vortragenden Künstler mussten auch gleichzeitig bedienen, das hierbei erwirtschaftete Trinkgeld war die Gage. Künstler von Klaus Kinski bis Cornelia Niemann gingen durch diese harte Schule der eigenwilligen Prinzipalin. Als man Valeska Gert am Ende ihres Lebens fragte: „Haben sie keine Angst vor dem Tod“, antwortete sie gewitzt: „Im letzten Januar las ich die Liste der im vergangenen Jahr gestorbenen Künstler, Politiker, Wissenschaftler... Zum Donnerwetter, dachte ich: Wieder nicht erwähnt!“ Sie verabschiedete sich von den rund 130 Trauergästen auf ihrer Beerdigung mit der Tonbandaufnahme eines ihrer selbstgeschriebenen Chansons, dem letzten, das wir ihnen von unserer heutigen CD des Tages vorspielen möchten:

 

Einspielung 5

Track 15 Valeska Gert: „Schlummerlied“ (Brüning/Gert) – 2.34

 

SprecherIn:

In unserer heutigen CD des Tages stellten wir ihnen Aufnahmen der vor rund 25 Jahren verstorbenen Allround-Künstlerin Valeska Gert vor. Erschienen sind sie auf der CD „Hommage an Valeska Gert. Solo für ein Mannequin von Grieneisen. Hörcollage von Peter Eckhart Reichel. Gesprochen von Monika Hansen und Gerd Wameling.“ Erschienen bei duo-phon in der Reihe „Edition Musenkinder Hörbuch“.