„Wenn die beste Freundin...“

Marlene Dietrich zum Hundertsten

 

„Homosexuelle kann man nur bedauern. Fast alle Homosexuellen, die ich kenne, gleich ob Männer und Frauen, sind unglückliche Leute.“

So urteilte Marlene Dietrich, eine der verehrtesten Diven der Schwulen und Lesben, in ihren Memoiren über einen großen Teil ihrer Anhängerschar – und über sich selbst: Denn la Dietrich war ebenfalls der lesbischen Liebe gegenüber nicht abgeneigt. Schon ihre erste Schallplattenaufnahme aus dem Jahre 1928 lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: „Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin...“ haucht sie da, eng geschmiegt an ihre Revuepartnerin Margo Lion, im Dekolletee einen Veilchenstrauß – damals ein Erkennungszeichen für lesbische Liebe. Ein geschickter Einfall der Revuemacher Schiffer und Spoliansky, war doch die Dietrich ohnehin als männer- wie frauenmordender Vamp in der Berliner Szene bekannt und beliebt. In ihren Memoiren freilich will die Dietrich auch davon nichts mehr wissen: „Ich liebte Veilchen, das war alles.“ Unerwähnt bleibt ihre Liebe zu Claire Waldoff, der Urmutter des Berliner Chansons, die der schönen Elevin nur zu gerne half; unerwähnt ihr Verhältnis zu Mercedes d´Acosta, der Hollywood-Lesbe Nr.1, die der Garbo für die deutsche Blondine den Laufpass gab.

All dies offenbart erst jetzt der gewaltige Nachlass der Dietrich, der nun teilweise in Berlin im eigens dafür geschaffenen Museum zu sehen ist. Und natürlich die Unzahl der Biographien, die zu ihrem hundertsten Geburtstag am 27.12.2001 erscheinen. Neben den noch immer lesenswerten Klassikern von David Spoto (der die eigentlich nur mittelmäßig begabte Dietrich ganz richtig als „beste PR-Frau in eigener Sache“ bezeichnet) und von Steven Bach (das durch seine gut recherchierte Detailfreude besticht), ist vor allem ein neuer Bildband des Dietrich-Enkels Peter Riva zu erwähnen, der auch ein Gutteil Ausstellungskatalog ist: Unglaubliche Bühnenkostüme sind hier z.B. zu bewundern, versehen mit den gewohnt bissigen Kommentaren der Tochter Maria und den fachkundigen des Erbverwalters Werner Sudendorf, der auch den umfassenden, wenn auch noch immer nicht vollständigen Daten-Anhang besorgt hat. Von ihm auch – für den Leser mit wenig Zeit – eine hübsch gestaltete Kurzbiographie bei dtv mit vielen neuen Bildern. Und wer so richtig eintauchen will, kann das natürlich am Besten per internet: über mdcb@filmmuseum-berlin.de gibt’s den monatlichen Marlene-Newsletter des Filmmuseums Berlin, auch ein Besuch der homepage www.marlene.com empfiehlt sich. Der Preis für den schönsten interaktiven Marlene-Altar geht aber unbestritten an den Fan Uli Puchstein und seine homepage www.falling-in-love-again.com 

Wem danach noch ein „Wenn ich mir was wünschen dürfte...“ über die Lippen kommt, ist selber schuld!

Ausstellungen in Berlin:

Filmmuseum Berlin:

Dauerausstellung Marlene Dietrich; zusätzlich bis 17.Februar 2002 „Forever Young – Ausstellung zum 100.Geburtstag“ (*das Beste aus dem Nachlass) 

Schwules Museum:

„Marlene und das dritte Geschlecht“ (*das, was die Memoiren verschweigen...); bis 1.April 2002

Bücher:

Marlene Dietrich: „Ich bin, Gott sei Dank, Berlinerin. Memoiren“. Ullstein TB, Berlin 1998. € 7,95. ISBN 3-348-24537-4

Donald Spoto: „Marlene Dietrich. Die große Biographie“. Heyne TB, München 2000. € 8,64. ISBN 3-453-17333-3

Steven Bach: „Die Wahrheit über mich gehört mir. Marlene Dietrich“. Econ TB, München 2000. € 8,64. ISBN 3-612-65052-1

Jean-Jacques Naudet/ Peter Riva: „Marlene Dietrich“. Kommentiert von Maria Riva und Werner Sudendorf. Nicolai, Berlin 2001. € 39,90. ISBN 3-875- 84111-5

Werner Sudendorf: „Marlene Dietrich“. dtv portrait. € 9,--. ISBN 3-423-31053-7

© Jo van Nelsen, 2001.  

Erschienen bei GAB Januar 2002, www.gab-magazin.de

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22.02.02