Erwin Grosche Laudatio
Am 1.September 2001 erhielten Jo van Nelsen und Clemens Kanka für ihre Produktion „Kitsch! – Lieder und Texte entlang der deutschen Schmerzgrenze“ (Regie: Birgitta Linde) den Thüringer Kleinkunstpreis 2001, den Meininger „Georg“.
Im Anschluss an die Vorstellung im Georgie´s Off – der Studiobühne des Meininger Stadttheaters – hielt der Kabarettist und Chansonkenner Erwin Grosche – der „Magier des Minimalen“ und der wohl poetischste und skurrilste deutsche Kleinkünstler – die folgende Laudatio:
Das Jo-van-Nelsen-Gefühl
Meine Damen und Herren, liebe Anwesende, heute gilt es einen Künstler zu ehren, der sich schon jetzt darauf freuen kann, welch unfreiwilligen Peinlichkeiten auch diese Preisverleihung adeln wird. Jo van Nelsen ist mit allen Wassern gewaschen ,ein mehrfacher Preistiger, geübt in der Kunst des Händeschütte Ins und der Seitenwahl. Und glauben sie mir, meine Damen und Herren, da wird sich immer hinter einem gefassten Gesicht auch ins Fäustchen gelacht, gerade wenn eine Laudatio zu überschwenglich, wenn nicht gar zu kitschig ausfällt und maßlos überzieht. Aber meine Damen und Herren, auch ich bin mit allen Wassern gewaschen und leg es schon darauf an, Jo van Nelsen vor Scham erröten zu lassen, ihn vor Staunen erzittern zu sehen und ihm das zurückzugeben, was er uns mit diesem KITSCH-Programm eingebrockt hat: Unermeßliche genüßliche Leiden, atemberaubende Unsicherheitsmomente und tiefes peinliches Genießen. Fangen wir an:
Jo, du bist wundervoll. Wer so fühlen kann wie du, wird nicht wissen, wo im Motor eines Geländewagens der Zylinderkopf sitzt, aber er weiß, wo das Herz eines Menschen schlägt und zittert.
Wer Inhaber der großen Leidenschaften ist, muß einfach singen und mit Stil und natürlich mit Gefühl, dem Jo van Nelsen Gefühl. Jo van Nelsen, selbst begnadeter Kitsch- und Tiefsinnsinterpret, zeichnet vor allem eine Eigenschaft aus, er hat zuviel Gefühl, viel zuviel Gefühl. Natürlich muss man dann singen, selbstverständlich Chansons singen um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, und wie Wunder, dass Jo van Nelsen von Gott diese ausdruckstarke Bariton-Stimme mit auf seinen Weg bekommen hat. Kein Wunder, dass Menschen wie Du und ich, wie Sie und wir, also, manchmal ihren Trost im Kitsch also in der bewußten Irreführung durch Herz und Schmerz suchen. Geben wir es ruhig zu, der Kitsch ist unsere Flucht und damit ein Exil. Die Welt ist nicht schön, wir machen es uns zuhause schön. Jo van Nelsen weiß genau, wohin die Reise geht. Er ist Hüter des Paradieses und verantwortlich für die Special Effekte dort ,die Idee mit dem Apfel und der Schlange stammen von ihm. Er ist es, der uns mit sanfter Stimme und unbeweglichem Lachen lockt, einen Knick ins Herzkissen zu schlagen, anstatt auf der Straße den ehrlichen Kampf Mann gegen Mann, Frau gegen Frau (Alice Schwarzer gegen Verona Feldbusch) zu suchen.
Jo van Nelsen wurde in Zeiten der Studentenrevolte als Baron von Auenzwang im Kurbad des Kaisers in Bad Hornburg geboren. Können sie sich das vorstellen, meine Damen und Herren, Jo van
Nelsen wächst in Bad Hornburg auf und hat ein Gefühl, das ALLES will? Können sie sich vorstellen, wie er mutig in den Bad Homburger Himmel schaut und will, dass es rote Rosen regnet und er so schön singen möchte wie Peter Alexander oder wenigstens wie Hanne Wieder? 1985,17 jährig und dazu ein ewig verliebter Schüler, "mit 17 wachsen noch Träume", trat er nicht nur kurz in die katholische Kirche ein und bald wieder aus, sondern präsentierte auch sein erstes Solo Chanson Programm. Nun ging es Schlag auf Schlag bergab und bergauf. Chansonabende wie "Lauter Lügen"(1990), "Küß mich unterm Gummibaum" (1991),"ich will - Ein Chansonabend für Dich und mich und für Hildegard Knef"(1992),in dem er erstmalig mit dem Klavierspieler, Cellisten und Rockträger Clemens Kanka, übrigens auch ein ehemaliger Baron von Auenzwang, nur aus der Darmstädter Linie, wirkte und auftrat.
Es ist schon bewundernswert, wie sehr diese Zusammenarbeit Früchte trug und trägt und an dieser Stelle möchte ich auch Clemens Kanka loben, der in dem Programm Kitsch weit mehr ist als ein Begleiter oder eine rechte Hand, zumal er scheinbar mit links Barbiepuppe und Peitsche auf die Tasten pickst und hämmert, als gelte es auch immer gleich alles zu zerstören, was man sonst so honigsüß zum Besten geben könnte. Clemens Kanka ist Mitspieler und Gestalter, Interpret und Freund und macht so diesen Chansonabend mit zu einem Theatererlebnis, wo Musikinstrumente plötzlich Requisiten werden, eingesetzt als Verurteilte und Vergewaltigte, gegen ihren Willen gezwungen Kitsch zu spielen und, anstatt sich zu wehren, mitmachen. Welch eine Verschwendung auf einem Flügel den Flohwalzer zu spielen! Das muß bestraft werden, welch ein wundervoller Einfall der Regisseurin Birgitta Linde, übrigens auch eine Baronin von Auenzwang, nur aus der freien Essen/Ruhr-Auenzwanglinie, welch wundervoller Einfall einen Flügel mal auspeitschen zu lassen, auch mir ist manchmal danach, nur trau ich mich nicht oder habe meine Peitsche vergessen.
Jo van Nelsen traut sich. Alles was er anpackt wird zu Gefühl.
Er ist charmant und stilsicher, Sammler von heulend schönen Texten, die manchmal erst zerstört, seinen hohen Ansprüchen genügen. Kein Wunder, dass er gerade auch deswegen ein gedankentiefer Unsinnsinterpret sein kann, der weiß was er tut, selbst wenn er es nicht tun sollte, weil er wieder dadurch seine armen Zuschauer verwirren wird. Nicht umsonst wird Jo van Nelsen gefeiert für seine Friedhelm-Kändler-Chansonabende und inzwischen auch geschätzt, geliebt, und auch gefürchtet, (natürlich), für seine Tabuverletzungen und Grenzüberschreitungen.
Jo van Nelsen arbeitet als Conferencier, Schauspieler und Buchautor, im November 2001 wird seine Geschichte des Deutschen Chansons, „Wir richten scharf und herzlich – Couplets und Chansons“, erscheinen, und ist längst ein Teil dieser Geschichte. Zum Glück ist er noch immer zu allen Schandtaten und Wohltaten bereit. Am 15.April 1998 hatte seine bisher größte Verwirrung Premiere. „KITSCH!“ erblickt das Licht der Welt und schmeichelt sich schnell ein, trotz patzigen Aneckens, als eine der mutigsten und aufregendsten, ja schönsten Theaterproduktionen, mit der im deutschsprachigen Raum herumgetingelt wird.
Deutschland ist nicht nur „Die Wochenshow“ und „7 Tage- 7 Köpfe“, sondern auch Jo van Nelsen und Clemens Kanka. Welch ein Mut, sich mit diesem Programm, mit diesen Verkleidungen, diesen Requisiten und dieser Inszenierung dem abgestumpften Comedypublikum zu stellen.
Und wie kann man ein Programm KITSCH nennen, ohne ihm selbst zu verfallen? Genau, indem man ihn immer wieder zerstört und ihm keine Macht über sich läßt. Bekleidet mit gefühlsundurchlässiger Lederkleidung, bewaffnet mit Peitsche und neunschwänziger Katze, angekettet wie Odysseus am Schiffsmast, verborgen unter einer kalt grinsenden Maske, kann man es wagen und sich diesem Kitsch stellen ohne Schaden zu nehmen und dem Wahnsinn zu verfallen. Und das Trio Linde-Kanka-Nelsen hat gründlich und genüßlich gewagt und zieht auch uns mit hinein in diesen Gefühlstaumel der Kitschzerstörung. Manchmal so gründlich und genüßlich gewagt, daß wir, das erstaunte und verängstigte Publikum, das Klatschen und das Lachen vergessen und verunsichert hoffen, das wenigstens unsere Lieblingslieder nicht geoutet werden als Weltenflucht und Kitscherguss. Aber nein, niemand wir verschont, nichts wird vergessen. Es ist zu schön, um wahr zu sein.
Jo van Nelsen setzt alles gegen-, über- und untereinander. Mimik, Gestik, Outfit, Musik, Gesangstil und Requisite werden im Kampf gegen den Kitsch eingesetzt wie Knoblauch und Kreuz gegen Vampire. Haben sie gesehen, wie gelassen und deutlich er von seinen Kitschpostkarten liest? Das Lesen auf der Bühne gehört neben dem Weinen und der Pause, zu den schwierigsten Zurschaustellungen. Hier zeigt van Nelsen große Kunst und Gelassenheit. Haben sie bemerkt, wie bei der Weckerhymne "Willy" ,Clemens Kanka auf dem Klavier ein ganz anderes Kitschthema zitiert, während Jo van Nelsen, aufgeplustert und entblößt, Willies Lied zum besten gibt und eben noch anreichert mit anderen Kitsch-Ikonen, dass man sich wirklich nur noch fürchten kann über unsere Verführbarkeit. Wie Jo van Nelsen dies alles zusammenbringt und doch voneinander abgrenzt, spricht von hoher Musikalität und Schauspielkunst, und zuviel Gefühl, viel zuviel Gefühl. "Schmelz wie Zartbitterschokolade mit Opium gefüllt: Das sind die Attribute, die an seiner Stimme kleben wie dunkles Karamelbonbon" (Neue Presse Hannover).
Jo van Nelsen ist einzigartig und immer bereit, auch dieses wieder zu zerstören, weil auch die Einzigartigkeit nur dem zusteht, der sich dauernd in Frage stellt, versucht sich zu erneuern und dem dies gelingt. Auf diesem hohen Niveau balanciert Jo van Nelsen über uns traurige Gestalten der Kleinkunstszenerie und hat dabei schon beschlossen die Meßlatte seiner Kunst noch höher zu legen, um nicht gelangweilt zu stürzen in diesen Fernsehmatsch der Belanglosigkeiten und Wiederholungen. Er kann noch mehr und läßt uns nur erst ausruhen und verarbeiten, bis er uns seine neuesten Verwirrungen um die Köpfe schlagen wird.
Ich wünsche ihm die Kraft für alle seine neuen Produktionen, weiterhin Freunde und Begleiter wie Clemens Kanka und Birgitta Linde, auf das noch weitere Geniestreiche wie dieser Irrgarten KITSCH das künstliche Licht der Bühne entstellen werden. Für Kitsch gibt es verdient und natürlich, nach der St. Ingberter Pfanne (1998),dem Wilhelmshavener Knurrhahn (1998) nun den Meininger Georg, also den Meininger Kulturpreis 2001.
Liebes Publikum, ich möchte nun mit ihnen, wenn es klappt, zu Ehren von Jo van Nelsen ein Lied singen, welches wir alle kennen, welches ich ein wenig verändert habe und welches uns natürlich sehr am Herzen liegt:
„Viel Glück und viel Segen
auf all deinen Wegen
sei uns stets ein Felsen
hoch, hoch Jo van Nelsen!“
Also auch noch Danka, Clemens Kanka und nun:
(Publikum singt und Jo van Nelsen bricht in Tränen aus)
Erwin Grosche, 1.September 2001