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„BITTE ERSCHIESS´ DEINEN GATTEN!
– Eine schwarze Revue"
Mit Jo van Nelsen, Cornelia Niemann und Sabine Fischmann
Regie und Zusammenstellung: Jo van Nelsen
Musikalische Leitung: Sabine Fischmann
Regisassistenz: Joachim Siegel
Kostüme: Nadine Anne Blum
Technik: Daniel Groß
Premiere: 21.06.2002Eine Produktion der Burgfestspiele Bad Vilbel und der Alten Mühle Bad Vilbel.
Wiederaufnahme bei den Burgfestspielen 2003 und Gastspiele.
Der Bestattungs-Catering-Service „Leib und Seele“ ist mal wieder um das leibliche Wohl einer Trauergemeinde besorgt: Liebevoll werden da Schnittchen zubereitet, Salate angerichtet, Getränke gekühlt, will sagen: Gurken bei lebendigem Leibe gehäutet, Karotten von Profimessern zerhackt und Weinflaschen geköpft! Denn die 3 SchauspielerInnen, die sich hier ab und an als Caterer der besonderen Art verdingen, haben es faustdick hinter den Ohren! Und wie das so üblich ist beim Kochen: Man unterhält sich mit Liedern (von Vicky Leandros bis Schubert), Geschichten, Anekdoten und Gedichten (von Shakespeare bis Max Goldt) – und die sind bei diesem Catering-Trio natürlich rabenschwarz!! Wenn Sie also wissen wollen, welchen Wein man zu welchem Mord trinken sollte, was es mit einer „Hinrichtungshostess“ auf sich hat, ob Masochisten Tango tanzen können und wofür sich die „Tatort“-Melodie besonders gut eignet – „Bitte erschiess deinen Gatten!“ gibt Ihnen Antwort!
Biographien
*siehe „Wir richten scharf und herzlich“ (2001)
Der Herr gibt, der Herr nimmt
Jo van Nelsens Revue "Bitte erschieß Deinen Gatten!" mit Cornelia Niemann und Sabine Fischmann nun im Mousonturm - Von Tim Gorbauch
Die Bühne muss erst einmal eingerichtet werden. Am Anfang steht sie fast kahl da, allein zwei Bierbänke deuten im Hintergrund das Buffet an, das der Bestattungs-Catering-Service "Leib und Seele" in den nächsten zwei Stunden vorbereiten wird. Am Ende wird sie ein Saustall sein, Gurken-, Karotten- und Salatreste werden umherfliegen, den drei Protagonisten, Jo van Nelsen, Cornelia Niemann und Sabine Fischmann, läuft Joghurt-Sauce aus dem Mund, und ihr letztes Wort wird "Scheiße" sein. Denn ein paar Neurosen und jede Menge Liedeinlagen haben sie daran gehindert, ihr Buffet ordnungsgemäß fertig zu stellen. Auf dieser Beerdigung wird es nichts zu essen geben. Bitte erschieß Deinen Gatten! heißt die schwarze Revue Jo van Nelsens, die in diesem Sommer bei den Burgfestspielen Bad Vilbel Premiere hatte und nun in den Mousonturm gekommen ist. Sie ist wie die meisten Stücke van Nelsens schnell, bunt, auf wunderbare Weise grotesk und sehr musikalisch. Und einmal auch wird es ganz still im Saal, und die Revue sorgt für einen Augenblick echter Rührung. Cornelia Niemann singt Cole Porters Mein Mann ist verhindert, mit einer Stimme, in der das Leben ihren Abdruck hinterlassen hat, brüchig, rau und voller Furchen.
Ansonsten soll gelacht werden. Niemann, Fischmann und van Nelsen spielen drei arbeitslose Schauspieler, die ihren Lebensunterhalt nun in der Bestattungs-Catering-Service-Branche verdienen, aber, wie das so ist mit Schauspielern, geraten sie schnell mal ins Schwatzen, liefern den einen oder anderen theatralen Monolog und ziehen vor allem herzzerreißend über Kollegen her: Die Lücke, die sie hinterlässt, sagen sie mit Wedekind zu einer frisch begrabenen Bühnendiva, repräsentiert sie am besten.
Gesungen wird viel und gut, meistens spielt Sabine Fischmann auf dem Keyboard dazu, manchmal auch kommt die Musik vom Band. Lieder und Chansons wechseln mit Geschichten, Anekdoten, makabren Szenen und weniger aufregenden Zombie-Erzählungen. Für Brechts wunderbare Geschichte von Apfelböck oder der Lilie auf dem Felde ist da Platz, natürlich für Kreisler, für Max Goldt, Robert Gernhardt, Friedhelm Kändler und viele mehr. Und zum furiosen Finale reitet das Trio durch das Welttheater Shakespeares und beschließt, dem Leben mit vergifteter Salatsoße ein Ende zu setzen. Nicht auszudenken, was sich Kollegen auf ihrer Beerdigung erzählen werden.
Frankfurter Rundschau, 19.12.2002
(…) Jo van Nelsen hat sich für sein neues Programm ,,Bitte erschieß deinen Gatten“, das jetzt bei den Burgfestspielen Bad Vilbel Premiere hatte, einen schaurigen Rahmen ausgedacht. Sabine Fischmann, Cornelia Niemann und er selbst schlüpfen in die Rolle von arbeitslosen Schauspielern, die den Bestattungs-Catering-Service ,,Leib und Seele“ gründeten. Und wie das so ist beim Schnippeln, Hacken, Dekorieren — man schweift ab und kommt ins Plaudern. In lockerer Folge wechseln Texte, Lieder, Anekdoten und Chansons, die sich, dem Anlaß entsprechend, mit schwarzem Humor bevorzugt um Liebes- und Todesarten drehen. Und der etwas dünne rote Faden, an dem Jo van Nelsen (Konzept und Regie) seine Kleinkunstperlen aufreiht, er hält. Von satirisch bis makaber, von kabarettistischem Chanson bis Schlager reicht das Spektrum der Revue, und doch fügt sich alles zu einem Ganzen. (…)
Die Übergänge gelingen dabei leicht und selbstverständlich, da wirkt nichts gezwungen und gewollt, obwohl es ernste, schaurige und kalauernde Momente zu verbinden gilt.
Dabei können vor allem die Ensembledarbietungen überzeugen. Glänzend arrangiert beispielsweise Brechts ,,Apfelböck oder Die Lilie auf dem Felde“ oder die temporeiche Gurkenhobel-Choreographie zur ,,Tatort-Melodie“, schaurig die Collage aus Hinrichtungsszenen des 17. und 18. Jahrhunderts. Jeder der Darsteller kann zudem sein komödiantisches, parodistisches oder sängerisches Talent in zum Teil starken Solopartien unter Beweis stellen. Auch wenn nicht jede Interpretation eines Klassikers an das Original heranreicht, so ist doch diese „schwarze Revue“ aus bekannten und unbekannten, fast vergessenen und überraschenden Funden rund um das Thema des meist vorzeitigen Ablebens äußerst unterhaltsam bis zum blutigen Finale.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.02
(…) "Bitte erschieß' deinen Gatten", unter diesem auf Gerhard Bronner und Georg Kreisler zurückgehenden Titel geben die Kabarettisten Sabine Fischmann, Cornelia Niemann und Jo van Nelsen eine schwarze Revue im Keller unter der Bad Vilbeler Burg, zweiter Beitrag des Trios zu den Burgfestspielen. Wiederum ein amüsanter Abend. Um die Rahmenhandlung fügen sich vielfältige Nummern. Da sinniert van Nelsen in einem eigenen Text über den Kriminalroman und den zur Handlung passenden Wein. Cornelia Niemann vertont ein Kabinettstück Cole Porters. Mit Georg Kreisler verfängt sich die musikalische Leiterin und Keyboarderin Sabine Fischmann im Netz ihrer todbringenden Verwünschungen. Die Auswahl der Texte ist gescheit. Es handelt sich durchaus um bekannte Größen der Kabarett- und Chansongeschichte. Von Kreisler und Robert Gernhardt bis zu Friedhelm Kändler, von Cole Porter und Stephen Sondheim bis Max Goldt. Doch ist das Trio kabaretthistorisch beschlagen genug, um mehr als nur das Geläufige zu bergen. Und es erschließt mit Spiellust sowie erstrangigem Bühnenhandwerk vergnügliche Perspektiven. Klamauk ist auch darunter, doch das ändert nichts daran, dass man sich hier auf ansehnlichem Niveau amüsieren kann.
Offenbach Post, 24.06.2002
(…) Unter dem von Gerhard Bronner und Georg Kreisler entliehenen Titel spielen die Kabarettisten Sabine Fischmann, Cornelia Niemann und Jo van Nelsen im Gewölbekeller der Bad Vilbeler Burg, der mit seinem gruftigen Ambiente und dem leicht modrigen Odem der rechte Ort zum Thema erscheint. Mit einem musicalhaften Erkennungslied ziehen die fröhlichen Caterer ein, Gesten traditioneller Showchoreografien werden ironisiert. Flugs findet man sich in einer Szene, in der sich drei Schauspieler lustvoll das Maul über Marotten einer gerade verblichenen Kollegin zerreißen. In gleichermaßen schlichten wie eleganten Übergängen gelangt
man von einer Nummer zur anderen. Die überwiegend auf die visuelle Ebene beschränkte Rahmenhandlung bleibt rudimentär. Konzept und Regie für den zweiten Beitrag dieses Trios zum Nachtprogramm der sommerlichen Festspiele gehen wieder auf Jo van Nelsen zurück. Die Auswahl der Nummern lässt eine intime Kenntnis des Fundus erkennen. (…) Obschon die meisten der Autoren und Komponisten keine Unbekannten sind, hat man es hier nicht mit einer Reihung des Geläufigen zu tun. Häufig wurde Entlegenes zu Tage gefördert. Auch in den Momenten des Wiedererkennens wirkt das wunderbar aufeinander eingespielte Ensemble dreier in Musikalität und szenischem Witz souveräner Künstler erfrischend. Wenn die meist ungetrübte Unterhaltsamkeit einmal für einen Moment unterbrochen wird, funktioniert das sehr gut: Mit einer beklemmenden Szene führt Cornelia Niemann in die Gefühlswelt einer Frau ein, die beim Abtasten ihrer Brust Knötchen zu erkennen meint. Ansonsten ist da viel gepflegter Klamauk. Nach einer Suizidberatung (Wie machen wir's denn am besten? Text: Klaus Peter Schreiner von der Lach- und Schießgesellschaft) stimmt Jo von Nelsen - Kunstblut fließt ihm derweil aus den Pulsadern - den Abschieds-Stehauf-Schlager „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros an. Auch die grellste Alberei hat noch einen einnehmenden Charme an diesem Abend.Frankfurter Rundschau, 25.06.02
Ein wunderbares „Trio furioso“ glänzte im Burgkeller beim Premierenauftritt und verschaffte seinem Publikum einen makaber-morbiden Seelenkitzel, der sich in Lachattacken Bahn brechen musste. (…) Der Regisseur van Nelsen achtet gleichermaßen auf die großen Gesten wie auf die kleinen Nuancen, Details oft, die ein stimmiges Bild abrunden. Die Rahmenhandlung bietet Aktionspotential, auch wenn die Musik gerade mal jemand anderes spielt. Mal wird der Büfett-Aufbau in die Stücke integriert, mal links liegen gelassen. Dann schlüpfen die Caterer in eine Rolle, etwa als Interviewer (van Nelsen) und Justizbeamtin (Fischmann), die eigentlich Beamtin für die Vollstreckung der Höchststrafe oder kurz „Hinrichtungshostesse“ ist. Beim „Masochisten-Tango“ legen Cornelia Niemann und Jo van Nelsen eine flotte Sohle aufs Parkett. (…) Wenn dann die Tatort-Melodie erklingt, wenn die drei Caterer Gurke und Hobel zücken und im Takt der Verfolgungsjagd das Gemüse zu Gurkenklein zerschnibbeln, steuern sie auf den Höhepunkt zu. Während sie in der „Tageszeitungs-Collage“ unfreiwillig komische Todesanzeigen vorlesen, ziehen sie den Selleriestangen die Haut „vom Leibe“, köpfen den Salat und zerhacken die Möhren. Das dahingemeuchelte Gemüse wird überzogen mit einem Guss aus Dichterworten. In einem Parforce-Ritt fegt das Trio durch die Todes-Szenen und -Sätze des Welttheaters - Wilhelm Tell, Faust, Hamlet, Macbeth stehen Pate. Da klingelt das Handy: In zwei Minuten, verkünden die Auftraggeber, ist die Trauergesellschaft da. Dunkelheit senkt sich über das Chaos.Begeisterter Beifall ist der verdiente Lohn für diesen fulminanten Leichenschmaus. Da haben sich Drei gefunden. Übereinstimmend im Temperament ist doch jeder ein eigenwilliger Charakter. Alle drei Künstler überzeugen mit musikalischem Können und schauspielerischem Verve, wobei sie jeweils mit persönlicher Note Bühnenpräsenz zeigen. Ein erheitertes Publikum klettert erschöpft (vor Lachen) am frühen Morgen aus dem Burgkeller, den Geschmack des heiter kredenzten Festmahls noch in den Sinnen.
Frankfurter Neue Presse, 25.06.02