Frankfurter Rundschau vom 29.06.2005

Schöne neue Welt

Haben Sie momentan auch das Gefühl, im falschen Film zu sein? Oder besser gesagt: Im falschen Kino zu sitzen? Einem, in dem die Aliens, die man schon seit 7 Jahren als besiegt angesehen hatte, nun in noch grausamerer Gestalt wieder ins Leben zurückkehren, von der Leinwand heruntersteigen, sich neben dich setzen, kaltlächelnd deine „M&M´s“ essen und behaupten, dass die Dinger „Treets“ heißen? Beginnen Sie neuerdings auch wieder beim Anblick von Birnen in kalten Schweiß auszubrechen, zu hyperventilieren und von tödlichen Lichtallergien zu träumen? Schießen Ihnen vielleicht sogar Tränen in die Augen, wenn Ihnen ein Teenager in einem dieser hippen „logoshirts“ entgegenkommt mit dem Aufdruck „Atomkraft – nein danke“? Und sind Sie auch so fassungslos, wenn Sie den jungen Mann für seine aufrechte politische Haltung in diesen schwarzen Zeiten loben wollen, der Ihnen aber mitteilt, dass er dieses T-Shirt nur gekauft hat, weil er die lachende Sonne darauf so lustig fand?

Früher tröstete ich mich ja in solch schweren Stunden immer mit dem Auflegen meiner Lieblings-Langspielplatten aus meiner Jugendzeit – kennen Sie doch noch: diese großen schwarzen Scheiben mit zwei Seiten, die nach mehrmaligem Gebrauch so lagerfeuerähnlich knistern? Aber auch da ist die Auswahl inzwischen erheblich eingeschränkt. Denn wer traut sich momentan schon, einen Michael-Jackson-Song abzuspielen, ohne Gefahr zu laufen, von der alleinerziehenden Mutter nebenan gelyncht zu werden? Und schon gar nicht Titel wie „You know, I´m bad“…

Nein, dieser Sommer 2005 – er ist ein trauriger für die Generation Golf. Zumindest für den Teil, der 1998 auf das schnittige, aber doch im Verbrauch so sparsam angedachte Rot-Grüne Cabrio umgestiegen ist. Und was haben wir für aufregende Fahrten in ihm gemacht: Durch hochsubventionierte Ostlandschaften, die ums Verrecken nicht blühen wollen, hinein in den Kosovo; mit Vollgas in die Jahrhundertflut und vorm Irak gerade noch kehrt gemacht! Dank des vereinten Vorder- und Hinterradantriebs der Ingenieure Schröder und Fischer schien das alles kein Problem zu sein: Immer nach vorne schauen, da wo das Licht am Ende des Tunnels scheint! Aber der Tunnel wird immer länger und länger, immer mehr Menschen in immer fadenscheinigeren Klamotten stehen nur noch müde winkend am Wegesrand. Irgendwie scheint die Luft raus, das Profil abgewetzt, der TÜV abgelaufen. Schade eigentlich. Aber wie so oft: Generalüberholen käme uns teuerer als die Neuanschaffung und deswegen probieren wir es jetzt mal mit einem

schwarzen Viertürer mit gelben Ledersitzen. Dieser Golf sieht mehr nach einem Mercedes aus oder einem Horch. Solide deutsche Protzigkeit, die nicht der Lichthupe bedarf, um Ungelegene von der Überholspur zu verdrängen, dabei aber eigentlich lieber rechts als links überholt. Die Sitzheizung umschmeichelt wohlig das breite Gesäß des Fahrers, bzw. der Fahrerin, die glücklich grinsend durch eine Landschaft fährt, in der es keine Grafittis mehr gibt, dafür aber Atomkraftwerke, die erst abgestellt werden, wenn es der Betreiber möchte. Am Wegesrande stehen arbeitslose Gewerkschaftler und malen Plastikblumen an – eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der neuen Regierung, um die, nach stetigem Ignorieren der Kiyoto-Maßgaben, inzwischen verbrannten Wiesen ein bisschen farblich aufzulockern.  Im Autoradio singt Tina Turner „1984“ und wir, die Kinder des „Summer of ´69“, blicken staunend auf diese schöne neue Welt.