Des Ostens offene Arme
Kommt es Ihnen nicht auch vor, als ob die Mauer grad
gestern erst gefallen wäre? Politiker hauen sich die ollsten
Ossi-Wessi-Vorurteile um die Ohren, als ob 16 Jahre nichts passiert wäre. Da
sollte sich so mancher mal ein Beispiel an den Ost-West-Kontrahenten nehmen,
die jahrelang um die Vermarktungsrechte an dem guten alten Ost-Ampelmännchen
prozessierten und sich im Juni endlich gütlich geeinigt haben. Aus diesem
Anlass widme ich das folgende Gedicht allen Stoibers und Merkels dieses
unseres Landes:
Es waren mal vier
Ampelmännchen
- Die einen Ost, die andern
West –
Die standen sich so
gegenüber
Und hassten sich fast wie
die Pest.
„Kiek dir das dünne Elend
an“,
Sprach Rot zu Grün in Ampel
Ost.
„Da is nu wirklich jar
nischt dran,
So ohne Hut bei Schnee und
Frost…
Das hätten wir uns längst
verbeten!
Wo´s an der Kreuzung doch
so zieht!
Da hat der Westen die
Moneten,
Jedoch sein Ampelmännchen
friert!
Schon wie der da steht, der
in Rot!“
Mokiert sich Ampelmännchen
Ost,
„Leblos und steif, fast
schon wie tot.
So was gehört auf den
Kompost
Und nicht an eine deutsche
Kreuzung,
Wo´s doch nun mal um Leben
geht!
Bei mir sieht jeder an der
Haltung
Das hier ein Bollwerk vor
ihm steht!
Ich breite meine Arme aus,
Da weiß doch jeder gleich
>Aha –
Hier geht´s nicht weiter,
aus die Maus< --
Und schließlich war ich
Fernsehstar!
Achtzig Folgen bei der
DEFA,
Verkehrserziehung leicht
gemacht,
Mit Stiefelchen und
Kompaskalle
Beim Sandmännchen zur guten
Nacht!“
„Ich auch“, sagt da das
grüne Männchen
Und reckt den Kopf noch
etwas mehr,
„Ich kenne Babelsberg wie
meine Kreuzung –
Und unter uns: Das
Sandmännchen war hinter mir her!“
„Nein!“, staunt da der rote
Mann,
„Das hätt´ ich von dem
nicht gedacht!
Erst noch n bisschen Sand
gestreut
Und dann gepoppt die ganze
Nacht…“
„Ich muss doch bitten“,
sagt da Grün,
„Das Sandmännchen hat
durchaus Charme!
Dem konnte ich mich nicht
entziehn –
Und dann: Wer liebt mich
schon – mit einem Arm ---?“
„Jetzt geht die Leier
wieder los“,
Sprach Rot, „Ojemine!
Ich sag´s dir nun zum
letzen Mal:
Du hast nicht eenen,
sondern zwee!
Nur eener davon ist
verdeckt,
Entzieht sich nun mal
unserm Blick!“
Der grüne Mann stammelt
verschreckt:
„Du meinst also, ich bin zu
dick!
Nicht nur, dass ich den
selben Hut
Seit über vierzig Jahren
trag –
Was glaubst Du, wie ist mir
zumut,
Wenn ich so mopplig, Tag
für Tag
Hinüberschaue auf die
Ampel,
Wo forschen Schrittes, rank
und schlank,
Das Westmodell ganz ohne
Wampe
Und mit zwei Armen geht
entlang?!“
„Das kann ja wohl Dein
Ernst nicht sein!“,
Sagt Rot, „das ist ja
unerhört!
Du bist ja westlich
infiltriert,
Wenn das nicht mal die
Leitung stört…!“
Und – zack! – da war´s auch
schon geschehn,
Das rote Männchen sah zu
rot,
Die Ampel Ost wurd
schizophren –
Die Leitung, die war
mausetot.
„Was ist denn da schon
wieder los?“,
Sprach Grün zu Rot in Ampel
West.
„Der Osten ist doch zu
kurios…
Warum man die nicht gehen
lässt?
Die sind doch wirklich
längstens reif
Fürs Altenteil und
überhaupt,
Was ich nun wirklich nicht
begreif:
Wir ham den Osten abgebaut
Wohin man sieht – Kein VEB
und kein HO
Hat hier gesamtdeutsch
überlebt
Und auch das Ost-Etagenklo
Hat mir schon immer
widerstrebt.
Alles ist so neu und hell,
Ist klug durchdacht und
funktional –
Nur der Ost-Ampelmann
strahlt grell
Wie eh und je - `s ist ein
Skandal!“
Das rote Ampelmännchen West
Wurde ganz still bei des
Kollegen Häme
Und zwischen Autohupen und
Asbest
Gestand er ihm, dass er
sich seiner schäme:
„Es ist nicht recht, was du
so grün da sagst,
Doch weiß ich, du kennst
kein Erbarmen.
Doch ich gestehe, wenn du
mich fragst:
Ich sehne mich nach Ostens
offnen Armen…“