Frankfurter Rundschau am 24. August 2005

 

Des Ostens offene Arme

 

Kommt es Ihnen nicht auch vor, als ob die Mauer grad gestern erst gefallen wäre? Politiker hauen sich die ollsten Ossi-Wessi-Vorurteile um die Ohren, als ob 16 Jahre nichts passiert wäre. Da sollte sich so mancher mal ein Beispiel an den Ost-West-Kontrahenten nehmen, die jahrelang um die Vermarktungsrechte an dem guten alten Ost-Ampelmännchen prozessierten und sich im Juni endlich gütlich geeinigt haben. Aus diesem Anlass widme ich das folgende Gedicht allen Stoibers und Merkels dieses unseres Landes:

 

Es waren mal vier Ampelmännchen

- Die einen Ost, die andern West –

Die standen sich so gegenüber

Und hassten sich fast wie die Pest.

 

„Kiek dir das dünne Elend an“,

Sprach Rot zu Grün in Ampel Ost.

„Da is nu wirklich jar nischt dran,

So ohne Hut bei Schnee und Frost…

 

Das hätten wir uns längst verbeten!

Wo´s an der Kreuzung doch so zieht!

Da hat der Westen die Moneten,

Jedoch sein Ampelmännchen friert!

 

Schon wie der da steht, der in Rot!“

Mokiert sich Ampelmännchen Ost,

„Leblos und steif, fast schon wie tot.

So was gehört auf den Kompost

 

Und nicht an eine deutsche Kreuzung,

Wo´s doch nun mal um Leben geht!

Bei mir sieht jeder an der Haltung

Das hier ein Bollwerk vor ihm steht!

 

Ich breite meine Arme aus,

Da weiß doch jeder gleich >Aha –

Hier geht´s nicht weiter, aus die Maus< --

Und schließlich war ich Fernsehstar!

 

Achtzig Folgen bei der DEFA,

Verkehrserziehung leicht gemacht,

Mit Stiefelchen und Kompaskalle

Beim Sandmännchen zur guten Nacht!“

 

„Ich auch“, sagt da das grüne Männchen

Und reckt den Kopf noch etwas mehr,

„Ich kenne Babelsberg wie meine Kreuzung –

Und unter uns: Das Sandmännchen war hinter mir her!“

 

„Nein!“, staunt da der rote Mann,

„Das hätt´ ich von dem nicht gedacht!

Erst noch n bisschen Sand gestreut

Und dann gepoppt die ganze Nacht…“

 

„Ich muss doch bitten“, sagt da Grün,

„Das Sandmännchen hat durchaus Charme!

Dem konnte ich mich nicht entziehn –

Und dann: Wer liebt mich schon – mit einem Arm ---?“

 

„Jetzt geht die Leier wieder los“,

Sprach Rot, „Ojemine!

Ich sag´s dir nun zum letzen Mal:

Du hast nicht eenen, sondern zwee!

 

Nur eener davon ist verdeckt,

Entzieht sich nun mal unserm Blick!“

Der grüne Mann stammelt verschreckt:

„Du meinst also, ich bin zu dick!

 

Nicht nur, dass ich den selben Hut

Seit über vierzig Jahren trag –

Was glaubst Du, wie ist mir zumut,

Wenn ich so mopplig, Tag für Tag

 

Hinüberschaue auf die Ampel,

Wo forschen Schrittes, rank und schlank,

Das Westmodell ganz ohne Wampe

Und mit zwei Armen geht entlang?!“

 

„Das kann ja wohl Dein Ernst nicht sein!“,

Sagt Rot, „das ist ja unerhört!

Du bist ja westlich infiltriert,

Wenn das nicht mal die Leitung stört…!“

 

Und – zack! – da war´s auch schon geschehn,

Das rote Männchen sah zu rot,

Die Ampel Ost wurd schizophren –

Die Leitung, die war mausetot.

 

 

„Was ist denn da schon wieder los?“,

Sprach Grün zu Rot in Ampel West.

„Der Osten ist doch zu kurios…

Warum man die nicht gehen lässt?

 

Die sind doch wirklich längstens reif

Fürs Altenteil und überhaupt,

Was ich nun wirklich nicht begreif:

Wir ham den Osten abgebaut

 

Wohin man sieht – Kein VEB und kein HO

Hat hier gesamtdeutsch überlebt

Und auch das Ost-Etagenklo

Hat mir schon immer widerstrebt.

 

Alles ist so neu und hell,

Ist klug durchdacht und funktional –

Nur der Ost-Ampelmann strahlt grell

Wie eh und je - `s ist ein Skandal!“

 

Das rote Ampelmännchen West

Wurde ganz still bei des Kollegen Häme

Und zwischen Autohupen und Asbest

Gestand er ihm, dass er sich seiner schäme:

 

„Es ist nicht recht, was du so grün da sagst,

Doch weiß ich, du kennst kein Erbarmen.

Doch ich gestehe, wenn du mich fragst:

Ich sehne mich nach Ostens offnen Armen…“