Happy AIDS!
Die Untersuchung ist ja hinlänglich bekannt: Als
eine deutsche Bildungskommission 1995 Bauernhofposter und Buntstifte in
deutsche Kindergärten schickte, um über die sinnliche Wahrnehmung der
Umwelt von Vier- bis Sechsjährigen Aufschluss zu erhalten, war man nicht
schlecht erstaunt, als zwei Drittel des ausgemalten Idylls mit einer
lila Kuh aufwarteten! Die Firma Nestlé lachte sich ins Fäustchen und
erhöhte aus lauter Freude wahrscheinlich den Werbeetat für
Milkaschokolade um das Doppelte.
Dass Werbung Realität immer wieder auf den Kopf
stellt, manchmal gar Trends setzt – auch das ist hinlänglich bekannt.
Waren beispielsweise früher Männer nur als markige Cowboys oder
Großväter zu erleben, die die zarten Milchzähne ihrer Enkel mittels
Werther´s Echte ruinierten, darf frau sich seit einigen Jahren über
nackte, babysittende Männer auf Waschmaschinen freuen. Und nicht nur die
heterosexuelle Rollenverteilung erstrahlt im schönsten neuen Licht,
sondern auch der schwule Mann rückt immer mehr ins Blickfeld der
Werbung. Zumindest seit der schwule Mann sich besonnen hat und nicht
mehr als schrille Tunte die Kinder der Nachbarschaft verschreckt (oder
gar schlimmeres mit ihnen anstellt…), sondern willens ist, brav
verpartnert für die nächsten zwanzig Jahre Hypotheken auf Fertighäuser
und Familienlimousinen abzuzahlen. Das aber die Werbung inzwischen nicht
einmal mehr vor dem aidskranken schwulen Mann halt macht, dass lässt
einen seit geraumer Zeit wirklich staunen. Wow! Wie haben wir es doch
weitgebracht in unserer liberalen Gesinnung! Noch vor zwanzig Jahren als
Träger einer neuen Pest stigmatisiert – heute strahlende Werbeträger für
die allmächtige Pharmaindustrie!
Die Hersteller der lebensverlängernden
Kombitherapie – einer an Nebenwirkungen reichen Chemiekeule in
Tablettenform, die so manchen AIDS-Patienten vom Totenbett hat
auferstehen lassen – lassen ihre Patienten in großformatigen
Vierfarbanzeigen schwärmen: „Wenn du ständig den Tod im Nacken hast –
wie das deinen Horizont öffnet, das ist unglaublich! … Als Positiver
lebst du in deinem ganz ureigenen Reich…“ (GlaxoSmithKline). Der Tod als
Trip, die Krankheit als einmalige Selbsterfahrung, die schnelle Pille
für das voll fette Leben jetzt!! Der Hersteller Bristol-Myers Squibb
liebt es gediegener: Er zeigt ein modisches schwules Paar beim Einzug in
eine neue, in sanften Erdtönen gehaltene Wohnung mit der Unterzeile:
„Die Zukunft erleben, die Gegenwart vereinfachen.“ Auf die Kritik
verschiedener AIDS-Hilfen, dass hier eine massive Verharmlosung des
komplexen Problems HIV vorliege, reagiert die Pharmaindustrie gekränkt.
Man gehe doch sensibel mit dem Thema um – schließlich lache da ja keiner
offen in die Kamera... Ich bin klein, mein Herz ist rein und ich habe
noch nie etwas von Werbepsychologie gehört!
Sicher ist auch der staatliche Rotstift, der seit
Jahren die mühevoll aufgebaute Infrastruktur der AIDS-Hilfen in
Deutschland kurzsichtig zerstört, für die nun erstmals wieder steigenden
Infektionsraten in Deutschland verantwortlich zu machen. Aber wenn einem
19jährigen, der eben nun ohne Safer-Sex-Kampagnen aufwachsen muss, jetzt
auch noch in jeder Zeitschrift suggeriert wird, dass AIDS behandelbar
wäre wie eine schwere Grippe und eine sorgenlose Zukunft auf ihn warte,
dann kommt das einer fahrlässigen Tötung gleich.