Frankfurter Rundschau vom 23.06.2004

Happy AIDS!

 

Die Untersuchung ist ja hinlänglich bekannt: Als eine deutsche Bildungskommission  1995 Bauernhofposter und Buntstifte in deutsche Kindergärten schickte, um über die sinnliche Wahrnehmung der Umwelt von Vier- bis Sechsjährigen Aufschluss zu erhalten, war man nicht schlecht erstaunt, als zwei Drittel des ausgemalten Idylls mit einer lila Kuh aufwarteten! Die Firma Nestlé lachte sich ins Fäustchen und erhöhte aus lauter Freude wahrscheinlich den Werbeetat für Milkaschokolade um das Doppelte.

Dass Werbung Realität immer wieder auf den Kopf stellt, manchmal gar Trends setzt – auch das ist hinlänglich bekannt. Waren beispielsweise früher Männer nur als markige Cowboys oder Großväter zu erleben, die die zarten Milchzähne ihrer Enkel mittels Werther´s Echte ruinierten, darf frau sich seit einigen Jahren über nackte, babysittende Männer auf Waschmaschinen freuen. Und nicht nur die heterosexuelle Rollenverteilung erstrahlt im schönsten neuen Licht, sondern auch der schwule Mann rückt immer mehr ins Blickfeld der Werbung. Zumindest seit der schwule Mann sich besonnen hat und nicht mehr als schrille Tunte die Kinder der Nachbarschaft verschreckt (oder gar schlimmeres mit ihnen anstellt…), sondern willens ist, brav verpartnert für die nächsten zwanzig Jahre Hypotheken auf Fertighäuser und Familienlimousinen abzuzahlen. Das aber die Werbung inzwischen nicht einmal mehr vor dem aidskranken schwulen Mann halt macht, dass lässt einen seit geraumer Zeit wirklich staunen. Wow! Wie haben wir es doch weitgebracht in unserer liberalen Gesinnung! Noch vor zwanzig Jahren als Träger einer neuen Pest stigmatisiert – heute strahlende Werbeträger für die allmächtige Pharmaindustrie!

Die Hersteller der lebensverlängernden Kombitherapie – einer an Nebenwirkungen reichen Chemiekeule in Tablettenform, die so manchen AIDS-Patienten vom Totenbett hat auferstehen lassen – lassen ihre Patienten in großformatigen Vierfarbanzeigen schwärmen: „Wenn du ständig den Tod im Nacken hast – wie das deinen Horizont öffnet, das ist unglaublich! … Als Positiver lebst du in deinem ganz ureigenen Reich…“ (GlaxoSmithKline). Der Tod als Trip, die Krankheit als einmalige Selbsterfahrung, die schnelle Pille für das voll fette Leben jetzt!! Der Hersteller Bristol-Myers Squibb liebt es gediegener: Er zeigt ein modisches schwules Paar beim Einzug in eine neue, in sanften Erdtönen gehaltene Wohnung mit der Unterzeile: „Die Zukunft erleben, die Gegenwart vereinfachen.“ Auf die Kritik verschiedener AIDS-Hilfen, dass hier eine massive Verharmlosung des komplexen Problems HIV vorliege, reagiert die Pharmaindustrie gekränkt. Man gehe doch sensibel mit dem Thema um – schließlich lache da ja keiner offen in die Kamera... Ich bin klein, mein Herz ist rein und ich habe noch nie etwas von Werbepsychologie gehört!

Sicher ist auch der staatliche Rotstift, der seit Jahren die mühevoll aufgebaute Infrastruktur der AIDS-Hilfen in Deutschland kurzsichtig zerstört, für die nun erstmals wieder steigenden Infektionsraten in Deutschland verantwortlich zu machen. Aber wenn einem 19jährigen, der eben nun ohne Safer-Sex-Kampagnen aufwachsen muss, jetzt auch noch in jeder Zeitschrift suggeriert wird, dass AIDS behandelbar wäre wie eine schwere Grippe und eine sorgenlose Zukunft auf ihn warte, dann kommt das einer fahrlässigen Tötung gleich.