Frankfurter Rundschau vom 29.06.2005

Schwule im Wahlkampf

Was waren das noch Zeiten, als man als Homosexueller ungestört feiern und sich auf seine ureigene Geschichte am CSD, dem Christopher Street Day, besinnen konnte! Auf der Bühne der jährlich gleiche Ablauf: Die Mahnrede zur Erinnerung an das erste schwule Aufbegehren in der New Yorker Christopher Street anno 1969, gefolgt von einer Travestie-Vollplayback-Show, danach die immer verbissener schlagenden Trommel-Lesben und jährlich eine neue schwule Boyband, die es, trotz beträchtlicher Arbeit im Studio (und ich meine hier Fitness- und nicht Tonstudio), wieder nicht in die Charts schafft, denn solange Dieter Bohlen nicht schwul wird, ist da kein Blumentopf zu gewinnen.

Aber dieses Jahr? Kaum hat man sich richtig eingegroovt, steht auch schon wieder ein vorzugsweise heterosexueller Politiker auf der Bühne und sülzt wahlkampfbeseelt das Blaue vom Himmel herunter! Über Partnerschaftsgesetz und Adoptionsrecht, über EU-Maßgaben und böse Rathausseilschaften – und alle finden das ganz ganz wichtig! Und da frage ich mich: Halten die uns nicht nur für schwul, sondern auch für gehirnamputiert? Glauben deutsche Politiker, dass wir Schwulen und Lesben uns nicht mehr daran erinnern, wie wir noch vor ein paar Jahren darum kämpfen mussten, auch nur ein läppisches Grußwort von einem der Herrschaften zu ergattern? Nur wenige haben sich ihren Platz auf den CSD-Bühnen so verdient wie Volker Beck und Claudia Roth, die auch mal über die Grenze des eigenen Wahlkreises fahren, um für die Rechte von Homosexuellen zu kämpfen (so geschehen dieses Jahr auf dem vom konservativen Bürgermeister zum zweiten Mal verbotenen CSD in Warschau).

Sicher, politisch ist viel geleistet worden, die allgemeine Akzeptanz der Schwulen und Lesben in Deutschland ist gestiegen – auch wenn sich das offensichtlich noch nicht bis zu Daniel Küblböck herumgesprochen hat, der immer noch meint, er müsse eine schwangere Alibi-Freundin vorweisen, obwohl er das Kind wahrscheinlich lieber selbst ausgetragen würde. Allerdings gibt es angesichts anhaltender antischwuler Gewalt wirklich keinen Grund für eine generelle Entwarnung, wie sie der Hamburger CDU-Justizsenator Roger Kusch äußert: Den CSD hält er für „politisch mit Sicherheit nicht mehr nötig“ und vergleicht ihn mit dem Hamburger Alstervergnügen. Und: „Ich bin sicher, dass mich die Mehrheit der Schwulen und Lesben in meinem Kampf gegen das Antidiskriminierungsgesetz unterstützen.“

Das Pikante dabei: Kusch ist selbst schwul. Dieser durch die Gesellschaft, die Familie, die Erziehung internalisierte Hass ist ein bei Schwulen weit verbreitetes und schmerzliches Problem. Wenn dieser Selbsthass allerdings Macht bekommt, wird er wirklich gefährlich: Über J.Edgar Hoover und Peter Gauweiler halten sich die Gerüchte hartnäckig, dass ihr Hass auf alles Nonkonforme mit der eigenen verleugneten Homosexualität zu tun hat. Bei der rechtsradikalen Galionsfigur Michael Kühnen, der 1991 ausgerechnet an den Folgen von AIDS starb, ist es gewiss. Und auch ein Guido Westerwelle bringt das Wort schwul, wenn es konkret um ihn geht, nicht über die Lippen - denn dann hätte Mutti ihn nicht mehr lieb. Erst wenn die Schwulen sich mit sich selbst ausgesöhnt haben und anfangen zu lieben, hat schwule Politik eine Chance. Eine wirkliche Aussöhnung mit der Umwelt ist erst möglich, wenn sie nicht mehr als radikale Gegenwelt erlebt werden muss. Doch dies braucht Zeit – und eine forcierte, kalkulierte und nicht wirklich gefühlte Zwangsumarmung von beiden Seiten kann hier mehr schaden als nutzen.