Frankfurter Rundschau 15.
März 2006
"Sanfter Druck"
O singt ein hohes Lied dem Stillstand und der Sicherheit,
dem dreimal treuen sauberen Freund, der ignoriert den Hahnenschrei und auch für
keinen Judaslohn sein Herz verkauft! O singt das hohe Lied der Ruhe – und denkt
nicht an den Sturm, der meistens darauf folgt – o nein! In diesem hohen Land
herrscht Friede, Freude, Redlichkeit – und auch noch nach dem hundertsten Tag!“
Verzeihen Sie den ungewohnt lyrischen Aufschrei an dieser
Stelle, aber ich kann nicht anders! Was haben sich die Zeiten geändert! Ob das
die weibliche Energie ist, die dieses Land 100 Tage n.A. (nach Angela)
durchflutet? Selbst bayerische Erzmachos, die gerne – denn das gibt´s nur im
Wirtschaftsstandort Bayern - vom Hauptbahnhof München nach Berlin fliegen
(sich’s aber mitten in der Luft wieder anders überlegen, die Maschine kapern, um
dann daheim in Mamas Schoß zu landen) singen auf ihrem alljährlichen
Aschermittwochs-Autodafé ein hohes Lied auf die Besonnenheit und lassen den so
gern geschwungenen Hexenhammer unterm Rednerpult. Ja, wo gibt´s denn so was? Ich
will meinen Grantl-Edmund wiederhom, Kruzifix no eins!
Und selbst im Sport, der wohl unbestrittentsten
Männerdomäne, breitet sich die neue Weiblichkeit aus: Nach verlorenem
Länderspiel macht der Klinsi auf Supersofti, macht die Pressekonferenz zur
WG-Küche und bittet die versammelten Herren und Damen um Verbesserungsvorschläge
in astreinem „Du, ich hab dich total lieb, Du“-Schmuseton! Das kommt in seinem
leichten Schwäbisch allerdings so penetrant, dass er wahrscheinlich aus jeder
ernsthaften Fundi-WG sofort rausgeflogen wäre – und was ner WG recht ist, das
ist dem Bundestag nur billig. Beziehungsweise teuer. Denn in Politikerköpfen
scheint das Ausrichten der WM gleichzeitig den Sieg zu beinhalten: „Wenn wir
schon dafür sorgen, dass hier niemandem der Himmel auf den Kopf fällt, dann
wollen wir aber auch das große Wildschweinfest feiern!“ Und jetzt muss der arme
Klinsi sich von der Sportbeauftragten der FDP (ja, so was gibt´s wirklich und
kostet unser Geld!) mal nach eingehender Analyse der Sportschau ein paar Tipps
für die Mannschaftsaufstellung geben lassen! Tja, das hat mann nun von der neuen
Weiblichkeit in Deutschland!
Die christlich-demokratische Frauenpower hat uns fest im
Griff und sorgt für Ruhe und Ordnung im Land mit diesem berühmten sanften Druck
der Frau, den heilenden Händen, der persönlichen Begegnung. Hauptsache, das Haus
sieht nachher aufgeräumt und ordentlich aus und nichts ist dem Zufall
überlassen. Da überwachen all überall kleine, ordentlich ausgerichtete Kameras
die U- und S-Bahnenstationen und sonstige Versammlungsorte und Schäuble hüpft in
seinem Rollstühlchen auf und ab, auf und ab! Wer hätte das gedacht, dass unter
Mama Merkel mal alles so still und heimlich leise vor sich gehen würde, was Papa
Kohl und seine Söhne jahrelang unbedacht herausposaunt haben! Ja, der Ton macht
die Musik! Und wenn die kleinen Kameras erst mal überall aufgestellt und so
hübsch im Stadtbild integriert sind, dann wärs doch schad, die nach der WM
wieder wegzunehmen, gell? Nein, keine Veränderungen in diesem Land! Grad ist
alles so schön ruhig! Der Schnee fällt leise auf den ausstehenden Frühling und
alles was grün ist, zieht ängstlich den Kopf ein. So lasst denn weiter singen
das schöne Lied des Stillstands, der Ruhe und der Sicherheit – ein Schelm, wer
Böses dabei denkt…