Frankfurter Rundschau Juli 2006

 

Schwule klatschen

 

Mit dem Sommer kommen die Straßenfeste. Jede pittoreske Einkaufsmeile mit stilettogefährdendem Kopfsteinpflaster und vom asiatischen Laubholzbockkäfer befallenen Zierahorn feiert sich, als ob sie der Ku´damm wäre. Über allem schweben teuer subventionierte WM-Installationen, die an die Übermutter der deutschen Festivitäten 2006 auf Schritt und Tritt erinnern. Kleine Fußbälle wurden da in Netze gehüllt und in die befallenen Laubkronen gehängt – und landen, vom eisigen Ostwind gepeitscht, den Passanten auf den Köpfen. Aber wahrscheinlich ist der asiatische Laubholzkäfer auch daran nicht ganz unschuldig. Wer weiß, vielleicht ist der irgendwie in einem chinesischen Gen-Labor manipuliert und nach Deutschland geschmuggelt worden, um mit seiner Gefräßigkeit, die auch vor Fußballnetzen nicht Halt macht, die WM zu boykottieren. Man weiß es nicht. Obwohl der DFB ja eigentlich auf gutem Fuß mit den hohen Herren in Peking steht. Denn sobald in den letzten Monaten ein Aktivist für Menschenrechte bei einem der chinesischen Länderspiele in unserem Land sein Fähnlein friedlich zückte, wurde der kurzerhand in „Sicherheitsverwahrung“ genommen – ob das nun das Schwenken der in China verbotenen tibetischen Flagge betraf oder ein Transparent mit der Aufschrift „Falun Gong (eine vom chinesischen Regime verfolgte Qigong Schule) grüßt das Team aus China“.  

Der Slogan „Zu Gast bei Freunden“ schließt da jetzt gleich jede dreizehnte Fee von vornherein aus. Alle haben sich lieb, denn alle finden Multikulti toll – „alles so schön bunt hier“! Aber zu bunt darf´s dann eben auch nicht werden. Und schon gar nicht in anderen Ländern. Da muss man sich dann „auf die politische Ordnung eines Gastlandes einstellen“. Und mit dieser Aussage des CDU-Fraktionsvizen Andreas Schockenhoff ist nicht gemeint, dass die unsensiblen deutschen Touris bitte nicht durch ägyptische Heiligtümer mit sonnenverbrannten nackten Schultern und celluliteignoranten Shorts schlappen sollen, sondern dass ein deutscher Politiker es bitte zu unterlassen habe, für Minderheitenrechte zu kämpfen in einem Land, dass diese nicht kennt. Wenn Volker Beck sich bei einer friedlichen Demonstration für Lesben- und Schwulenrechte in Osteuropa vor laufender Kamera eins auf die Fresse schlagen lässt und von der russischen Polizei im Schulterschluss mit Neonazis und militanten orthodoxen Christen (welch ein Paradox!) mit Fußtritten drangsaliert wird, dann ist das für Herrn Schockenhoff lediglich ein gelungener grüner PR-Gag, der dem „Wunsch zur Selbstdarstellung“ entspringe.

Ich lade Herrn Schockenhoff gerne zum Frankfurter Christopher Street Day ein, damit er einmal das Gefühl aushalten muss, wie es ist, sich bedroht zu fühlen, ja, Todesangst ausstehen zu müssen. Denn nichts weniger schwang noch zwei Tage nach dem Angriff in Becks Stimme bei seinem Interview im ZDF mit. Jedem Schwulen, der schon einmal eins auf die Fresse bekommen hat (also 99,9%), nur weil er lieber Männer als Frauen küsst, bekam da feuchte Augen und eine blinde Wut auf alle, die noch immer meinen, sie wüssten, was Moral in dieser Welt bedeutet. Ob das nun Herr Schockenhoff, der Moskauer Bürgermeister oder der eigene Nachbar ist.

Doch für die westeuropäischen Schwulen, denen man ja gerne blindwütiges Feiern und unverantwortliches anonymes Rumgepoppe vorwirft, bedeutet dieser personalisierte Angriff auf die eigene Lebensform eine große Chance. Denn nun ist jedem klar, dass Parties für „Gays and Friends“ im eigenen Land noch nichts bedeuten für den Rest der Welt. Und vor allem nicht für Osteuropa, dass zwar so gerne an den EU-Tischen wirtschaftlich mitmischen will, aber in Punkto Menschenrechte so verbohrt bleibt wie eh und je. Wir dürfen gespannt sein, was die verbotenen Schwulen-Demonstrationen im EU-Land Polen diese Woche bringen werden…