dpa - Portrait über Jo van Nelsen
Musik/Kabarett/Varieté/
(Rubrik: Szene Frankfurt/Rhein-Main)
«Kleiner Weltverbesserer»: der Frankfurter Chansonnier Jo van Nelsen
Von Gregor Tholl, dpa
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Er ist einer der vielseitigsten
Künstler der deutschen Kleinkunst-Szene und Frankfurts Vorzeige-
Chansonnier: Jo van Nelsen. Bekannt wurde der heute 33-Jährige 1989
mit der Gruppe Culture Beat und dem international erfolgreichen Hit
«Der Erdbeermund». Seine wahre Liebe galt schon damals dem Chanson.
Inzwischen hat der Musik-Kabarettist zwölf Programme auf die Bühne
gebracht, das 13. hat am Freitag (21.6.) bei den Burgfestspielen in
Bad Vilbel Premiere - Titel: «Bitte, erschieß Deinen Gatten».
«Leider sind viele Medien heute total auf Comedy programmiert. Nur
noch etablierte Namen und kalkulierbare Massenware schafft es ins
Fernsehen», sagt Jo van Nelsen. Kabarett und Chanson bekämen kaum
noch Chancen. Die Tendenz zur Oberflächlichkeit findet er «traurig».
Er selbst wolle zwar keine Programme mit Zeigefinger machen, sehe
sich aber «vielleicht etwas altmodisch» als «kleinen Weltverbesserer»
und «kritischen Bewahrer der deutschen Chanson-Tradition».
Wenn auch nicht oft im Fernsehen, in Deutschlands Hörfunkstationen
und auf Varietébühnen ist der groß gewachsene Jo van Nelsen gern
gesehener Gast. Sein Tourneeplan reicht vom Bodensee bis Hannover,
von Leipzig bis Bonn. Im Oktober und November (15.10. - 7.11.) ist er
Conférencier im renommiertem Frankfurter «Tigerpalast»-Varieté.
Geboren in Bad Homburg vor der Höhe, begann Jo van Nelsen nach dem
Abitur eine Buchhändlerlehre, die er jedoch abbrach. Mit einer
Regieassistenz am Frankfurter Schauspiel fand er seinen Weg zur
Kunst. Heute ist er unter den Künstlern des neuen deutschen Chansons
wie Georgette Dee, Tim Fischer oder Max Raabe der einzige aus dem
Rhein-Main-Gebiet. Auf seiner Visitenkarte bezeichnet er sich selbst
allerdings nicht als Chansonnier, sondern als «Stimm- und
Sprechhandwerker».
Regelmäßig arbeitet er als Journalist, etwa beim Hessischen
Rundfunk. Den Frankfurter Schwulen las er jahrelang in einer Kolumne
des Szene-Magazins «GAB» die Leviten. Aus Frankfurt will van Nelsen
wegen der zentralen Lage der Stadt nicht weg. Er mag die
Intellektualität der Mainmetropole, wohnt in einem Hochhaus in der
City.
Mit Chanson-Abenden wie «Lauter Lügen» (1990), «Küß mich unterm
Gummibaum» (1991), «Ich will - Ein Chansonabend für Dich und mich und
für Hildegard Knef» (1994) oder Liedern des Hannoveraner Autors
Friedhelm Kändler hat sich van Nelsen eine treue Fan-Gemeinde
ersungen. Seine geschulte Bariton-Stimme habe einen «Schmelz wie
Zartbitterschokolade mit Opium gefüllt», schrieb die «Neue Presse
Hannover».
Mit dem Pianisten und Cellisten Clemens Kanka, mit dem er von 1994
bis 2000 regelmäßig zusammenarbeitete, machte van Nelsen 1998 sein
bisher, wie er selbst sagt, anspruchsvollstes Programm. Es hieß
absurderweise «Kitsch! - Lieder und Texte entlang der deutschen
Schmerzgrenze» und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. In der Laudatio
für den Thüringer Kleinkunstpreis, den Meininger «Georg», hieß es:
«Alles, was er anpackt, wird zu Gefühl. Er ist charmant und
stilsicher, Sammler von heulend schönen Texten».
In seinem Programm mit dem ironischen Titel «Und tschüss! - Die
erste Abschiedstournee» (1999) nahm van Nelsen den Mythos des
Künstlerlebens auf die Schippe. Auch wenn er sich unter anderem
darüber amüsierte, dass Zarah Leander in ihrem Leben mehr als 14
«endgültige» Abschiedstourneen gegeben haben soll, war doch immer
auch zu spüren, dass der Entertainer Jo van Nelsen das Chanson und
seine Stars liebt.
Zum Jubiläum des deutschen Kabaretts und Chansons hat Jo van
Nelsen im vergangenen Jahr sein erstes Buch veröffentlicht («Wir
richten scharf und herzlich - Couplets und Chansons 1901-2001», dtv).
In Ergänzung dazu gab es ein gleichnamiges Programm, bei dem er
erstmals selbst Regie führte. Bei dem Programm, eine Art Schnellkurs
in deutscher Kabarettgeschichte, geht es durchaus ernst zu, etwa wenn
er über die Zensur im Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg, den
Führerkult der Nazis oder die Wirtschaftsordnung der DDR doziert und
singt. Zu schmunzeln gibt es dennoch genug, die Pointen sind gekonnt
gesetzt, mal mit hochgezogener Augenbraue, mal mit wegwerfender
Handbewegung.
In diesem Jahr tritt van Nelsen noch einige Male mit dem Programm
auf, unter anderem bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen, für die auch
die neue Produktion «Bitte, erschieß deinen Gatten» entstanden ist.
Van Nelsen bringt zusammen mit Cornelia Niemann und Sabine Fischmann
ein Sammelsurium an Liedern und Texten rund um den fiktiven
Bestattungs-Catering-Service «Leib und Seele» auf die Bühne. Im
Dezember ist das Programm im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm zu
sehen.
Juni 2002