„100 Jahre Theo Lingen – Historische Aufnahmen von 1932-1952“
Sendung «Die Alternative », hr2 (Ausstrahlung: 22.07.2003)
CD des Tages
(LC 12000 – Edition Berliner Musenkinder/ duo-phon records; Best.No: 05 36 3; © 2003)
Autor: Jo van Nelsen
Redaktion: Renate Burtscher
TT Musik: 15:00
TT Text: 03:30
SprecherIn:
Wenn Stars des flüchtigen Showgeschäfts das Glück haben, dass man sich auch noch an ihrem hundertsten Geburtstag an sie erinnert, dann müssen sie schon Außergewöhnliches geleistet haben – oder ganz und gar unverwechselbar gewesen sein. Und das war der deutsche Film- und Bühnenstar, den wir Ihnen heute mit unserer CD des Tages von einer unbekannteren Seite präsentieren wollen. Denn das der Schauspieler, von dem die Rede ist, auch hin und wieder Kabinettstückchen des deutschen Schlagers und Chansons auf Schallplatte gebannt hat, ist nicht allzu vielen bekannt. Sein Name? Sie werden ihn sicher auch so erkennen…:
Einspielung 1:
TRACK 7 „Die Ballade vom semmelblonden Emil“ (H.Sommer/ Theo Lingen; Klavier: W.Oehlschläger; 1938) – Dauer: 2:40
SprecherIn:
Nein, natürlich heißt er nicht Emil, der Interpret dieses Chansons, auch wenn er es sich 1938 höchst persönlich auf den Leib geschrieben hat. Theo Lingen war das, wie Sie unschwer am näselnden Gesang erkannt haben dürften. Unsere CD des Tages stellt historische Aufnahmen des Mimen aus den Jahren 1932 bis 1952 vor.
Am 10.Juni 1903 in Hannover geboren, debütierte Lingen mit gerade mal 18 Jahren in seiner Heimatstadt am Boulevardtheater. Der Autodidakt fiel auf: Groß, schlaksig und mit einer ausgewählt beherrschten Körpersprache, kam er über Münster, Halberstadt und nicht zuletzt über das Neue Theater in Frankfurt am Main endlich ins Schauspieler-Paradies Berlin, wo er als Macheath in Brecht/Weills gerade uraufgeführter „Dreigroschenoper“ Triumphe feierte. Brecht ist so begeistert von dem jungen Darsteller, dass er ihn noch in weitere Uraufführungen seiner Stücke einbaut. Und das, obwohl er ihn zuvor mit seinem Hass jahrelang verfolgt hatte, denn Lingen hatte es gewagt, ihm in Liebesdingen in die Quere zu kommen: Seit 1926 waren die erste Frau des Skandalpoeten Brecht, die Schauspielerin Marianne Zoff, und Lingen ein Paar und Lingen zog das Kind von Brecht und Zoff auf, die spätere Schauspielerin Hanne Hiob. Verwickelte Familienverhältnisse am Rande der Weltliteratur und des deutschen Theaterlebens.
Lingen ist ab 1930 immer mehr im jungen deutschen Tonfilm zu sehen und schon bald kristallisiert sich sein Rollenfach heraus, dem er für die nächsten 50 Jahre verpflichtet bleiben sollte: das des fein agierenden Komikers, mit einem ausgeprägten Sinn fürs Parodistische. Davon zeugt auch eine Rundfunkaufnahme des Jahres 1947 des von Lingen selbst geschriebenen „Telefon-Chansons“:
Einspielung 2:
TRACK 5 „Telefon-Chanson“ (W.Bochmann/T.Lingen; mit Klavierbegl.; 1947) Dauer: 3:26
SprecherIn:
Das „Telefon-Chanson“ von und mit Theo Lingen, dem unsere heutige CD des Tages gewidmet ist. Wie dieses Chanson schrieb sich Lingen gerne Rollen und Stücke selbst auf den Leib, so zum Beispiel die Titelrolle der Boulevardkomödie „Johann“ um die Nöte eines Kammerdieners, die er 1943 auch im Film spielte. Überhaupt sieht man Lingen oft in der Nebenrolle des Bediensteten, der die Fehltritte seines Herrn wieder gerade rückt – oder die Schusseleien eines ungeliebten Compagnons, oft besetzt mit dem ebenso exzentrischen Wiener Komiker Hans Moser. In diesem einmaligen, weil so gegensätzlichen Gespann der deutschen Tonfilmkomödie, kamen die Qualitäten des Theo Lingen erst so richtig zum tragen: Seine feine, tänzerische Eleganz, das snobistisch-anmaßende in Sprechweise und Rollenanlage, seine hohe Musikalität und Beweglichkeit, die auch vor abstrusesten Choreographien nicht halt machte. Sein großes Vorbild war Max Linder, der Pionier der französischen Filmkomiker – in der nun folgenden Aufnahme lassen sich aber auch die Einflüsse eines Maurice Chevalier nicht leugnen:
Einspielung 3:
TRACK 11 „Eine goldige Frau“ (Robert Stolz/Balz/Lingen, 1937) – Dauer: 2:32
SprecherIn:
Theo Lingen mit einem Lied aus dem 1937 gedrehten Film „Die Austernlilli“, vertont vom Operetten- und Filmkomponisten Robert Stolz, der schon ein Jahr später vor den Nazis nach Amerika fliehen musste. Theo Lingen blieb, auch wenn seine linkspolitische Haltung bekannt war und er von Goebbels mehrmals aufgefordert wurde, sich von seiner „halbjüdischen“ Frau zu trennen – was er nicht tat. Seine ungeheuere Popularität schützte den vielbeschäftigten Komiker, wie auch seine Zugehörigkeit zum Ensemble des Berliner Schauspielhauses unter der Ägide von Gustaf Gründgens, über das Goebbels Intimfeind Goering seine schützende Hand hielt. Theo Lingen genoß in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung, er galt als Exzentriker unter den deutschen Komikern – seine näselnde Sprechweise und die in seinen Rollen betonte Überfeinheit kokettierten auch gerne mit dem Nimbus der Homosexualität. Die Rolle des Nichtmenschen Diener hingegen, der ja meist nur als ES ohne Privatleben vorkommt, schaffte einen Freiraum des Asexuellen, mit dem Lingen geschickt spielte – und über den er sich in einem Chanson auch bewusst lustig machte…:
Einspielung 4:
TRACK 10 „Man darf bei den Mädels nicht schüchtern sein“ (Robert Stolz/Balz/Lingen, 1937) – Dauer: 3:09
SprecherIn:
Eine weitere Aufnahme von unserer CD des Tages, „100 Jahre Theo Lingen“.
Der deutsche Nachkriegsfilm bot dem erfolgsverwöhnten Komiker und inzwischen auch Regisseur kaum noch befriedigende Aufgaben. Was einst so fein ziseliert war, verflachte nun in der Rollenzeichnung oft zur Knallcharge. Höhepunkt dieser Entwicklung: Die aus unerfindlichen Gründen immer noch zur besten Sendezeit gezeigten „Pauker“-Filme der Sechziger und Siebziger Jahre, durch die Lingen als schussliger Direktor geistert. Auch auf unserer CD des Tages belegen die Lingen- Aufnahmen der 50er Jahre diese traurige Entwicklung zum Seicht-Komischen, das nicht mehr so recht zünden und niemandem wehtun will. Auch die als Bonus beigefügten Aufnahmen des Komiker Kollegen Paul Kemp, dessen 50.Todestag in diesem Jahr jährt, sind hierfür kaum erträgliche Beispiele.
Theo Lingen wendet sich in den Sechziger Jahren wieder vermehrt dem Theater zu, spielt hier Shakespeare und Sternheim, schreibt Bücher und Theaterstücke, ist gern gesehener Gast des deutschen Fernsehens. Nach schwerer Krankheit stirbt er am 10.November 1978 – und mit ihm einer der originellsten deutschen Komiker.
Einspielung 5:
„Der Schallplattenverkäufer“ (Günter Neumann; 1938) – Dauer: 3:11
SprecherIn:
Und damit nicht auch Sie so unwissend beim CD-Händler Ihres Vertrauens stehen müssen, hier noch einmal der genaue Titel unserer CD des Tages: „100 Jahre Theo Lingen – Historische Aufnahmen von 1932-1952“, erschienen in der Edition Berliner Musenkinder bei duo-phon-Records.
© Jo van Nelsen, 12.07.03