Peter Jungblut: Famose Kerle – Eulenburg-Eine wilhelminische Affäre

Gebunden, 307 Seiten

Ca. 19,90 €

ISBN 3 935596 21 9

ET: Anfang September 2003

 

 

 „Donnerwetter-tadellos!“ – So dürfte das Urteil Wilhelm II. über seinen Intimfreund Graf Philipp zu Eulenburg gelautet haben. Stundenlang lässt er sich von dem künstlerisch begabten Adligen Selbstgeschriebenes am Klavier vorsingen, berät sich mit ihm in allen Staats- und Privatfragen, bis… ja, bis der nationalistische Journalist Maximilian Harden von Eulenburg und andere Freunde des Kaisers mehr oder weniger deutlich als Homophile oder – wie der vom Kaiser so schmählich entlassene Bismarck das nannte - als  Kinäden bezeichnete. Und damit einen der ersten großen Schwulenskandale der deutschen Geschichte heraufbeschwor! Ein hochinteressantes Thema, dem sich nun der Journalist und ARD-Hauptstadt-Korrespondent Peter Jungblut angenommen hat. „Jungblut macht aus dem Material eine rosarote Preußen-Revue“, so verspricht etwas reißerisch das Verlagsprospekt. Was man dann allerdings in der Hand hält, ist ein rund 300 Seiten starker Versuch, die Grätsche zwischen detaillierter und quellenreicher Historienschreibung und populärwissenschaftlichem Schlüssellochblick hinzubekommen. Jungblut probiert das vor allem durch einen nassforsch-jugendlichen Stil, der nur so mit neudeutschen Worten um sich schmeißt: Da eilt Eulenburg von „Event zu Event“ und der Kaiser „teilte mit den heutigen Computer-Kids einen wichtigen Charakterzug: die Angst vor Mußestunden, vor Langeweile“. Jungblut tut mit dieser stilistischen Anbiederei seinem untersuchten Gegenstand und seiner umfangreichen Recherche nichts Gutes. Er kann sich nicht entscheiden, für welches Zielpublikum er schreibt: Vom Ansatz her muss man viel historische Vorkenntnis mitbringen, denn der Autor bemüht sich nicht, ein Zeitkolorit zu schaffen, springt vielmehr direkt in den Eulenburg-Skandal hinein. Stilistisch kommt das jedoch eher leichtfüßig daher, was argwöhnisch macht. Noch schwerer wiegt aber, das er seine Hauptakteure nicht mag und sich immer wieder mit vorgefassten Meinungen über sie stellt, ihnen per se keine wahren Gefühle zutraut, ohne dies durch passende Quellen ausreichend zu belegen. Jungbluts Einschätzung mag vielleicht auch richtig sein, doch fühlt sich der Leser um das Recht auf die eigene Meinungsfindung betrogen und durch die ständige Überspitzung der Formulierung gegängelt. Spätestens nach dem ersten Drittel misstraut man dem Autor und seinem Urteil. Sehr schade, denn die beigefügten zeitgenössischen Karikaturen machen viel Spaß und auch die Beschreibung der Gerichtsverhandlungen lesen sich spannend. Aber da mag mancher schon die Lust verloren haben.

 

© Jo van Nelsen 08/03