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"Heute abend: Lola Blau"

Musical für eine Schauspielerin von Georg Kreisler

mit Sabine Fischmann

unter besonderer Mitwirkung von Martha Marbo

 

Inszenierung: Jo van Nelsen
Musikalische Einspielung: Die Frankfurter Frühjahrs-Kollektion
unter der Leitung von
Markus Neumeyer
Kostüme: Nadine Anne Blum
Regieassistenz: Maren van Severen
Technik: Daniel Groß

Eine Produktion der Burgfestspiele Bad Vilbel und Theater Alte Mühle, Bad Vilbel.

Premiere: 20.Juni 2003

Wiederaufnahme bei den Burgfestspielen 2004 und Gastspiele.

 

Inhalt 

Lola Blau, eine junge jüdische Schauspielerin, freut sich auf ihr erstes Engagement am Linzer Landestheater. Der Einmarsch Hitlers in Österreich (1938) zerstört ihre Träume. Sie flieht in die Schweiz, um sich hier mit ihrem ebenfalls emigrierten Freund Leo zu treffen - sie wartet vergeblich. Doch schafft sie es, ein erstes Engagement zu ergattern – um bald darauf von den Eidgenossen ausgewiesen zu werden. Lola tritt die Überfahrt nach Amerika an, wo es ihr tatsächlich gelingt, eine Karriere aufzubauen; auch wenn sie das ihr aufgezwungene Image nur unter Alkohol erträgt. Nach Ende des Krieges erreicht sie ein Anruf aus Wien: Es ist Leo, der das KZ Dachau überlebt hat, und Lola bittet, zu ihm zurückzukehren. In Wien angekommen, beschließt Lola, mehr für einen demokratischen Wiederaufbau Österreichs tun zu können, wenn sie Kabarett spielt. Doch sie muss schon bald erkennen, dass die Schatten von einst noch sehr lebendig sind…

 

JO VAN NELSEN ÜBER SEINE INSZENIERUNG

Als Sabine Fischmann im Sommer letzten Jahres ihre fulminante Abschlussprüfung an der Musikhochschule Frankfurt hinlegte, saß ich in der ersten Reihe. An diesem Abend sang sie zwei Lieder aus der „Lola Blau“, die mich aufhorchen ließen. Hier mischte sich zum ersten Mal für mich ein neuer Ton in die Stimme von Sabine, die ich doch durch unsere intensive Zusammenarbeit der letzten Monate so gut zu kennen glaubte: Eine Lebensklugheit, die mehr geahnt, als erlebt war und eine Angst vor Verletzung, nicht weniger intensiv, als der selbsterlebte Stich in´s Herz. Kurz: ich spürte, dass Sabine, die man gerne als naives Blondchen verkennt und einsetzt, gerade dabei war, erwachsen zu werden. Und ich fasste an diesem Abend den Entschluss, mit Sabine die Lola Blau zu inszenieren.

Ein Stück, dass mich eigentlich nie ganz überzeugt hatte, da es dramaturgisch äußerst grob gestrickt und eigentlich oft nur ein überdimensionierter Chansonabend ist. Dazu kommt, dass sich meistens Diseusen um die Vierzig darauf stürzen, die „mal was anderes machen wollen“. Das mag für die Lieder von Kreisler auch sehr passend sein, denn die sind tatsächlich aus der Lebenserfahrung eines Endvierzigers heraus geschrieben; die dramatische Figur „Lola Blau“ aber agiert mit der Naivität einer Zwanzigjährigen, gerade wenn es um Politik geht. Und diese Girlie-Haltung einer älteren Frau auf der Bühne abnehmen zu müssen, fand ich schon immer unerträglich.

In Sabine Fischmann sehe ich die ideale Verkörperung der Lola Blau, etwas, dass sich in den wunderschönen Proben bestätigt: Ihre jugendliche Unmittelbarkeit, gepaart mit großem Können und Neugier – eben auch auf die schmerzhaften Erfahrungen des Lebens - eröffnen ihr einen unverbauten Zugang zu dieser nicht leichten Rolle.

Auch Lola Blau schaut mit Neugier auf ihr Leben, das von nicht weniger als Emigration und Holocaust bestimmt wird. Aber eben auch von viel Mut.

Mut: ein gutes Antriebsmittel für ein Leben – und für ein Theaterstück!

 Das ist es nun in dieser Inszenierung auch tatsächlich geworden, denke ich, nicht zuletzt durch die großartige Mitwirkung von Martha Marbo, die mir meine Vision von der zweiten, der alten Lola, auf die Bühne bringt. Denn das Stück endet in den Fünfziger Jahren – aber meine Frage war immer: was ist mit Lola bis heute passiert? All das wird der Zuschauer in dem schönen, lebensklugen Gesicht der Martha Marbo lesen dürfen, der auch die resümierenden Schlusssätze dieses Musicals zugedacht wurden:

„Denn tralala, so ist das Leben!/ Man setzt sich, doch man setzt sich stets daneben/Andere singen ebenso, sicherlich – Aber zu leise für mich!“

BUCHTIPP

Georg Kreisler: „Lola und das Blaue vom Himmel. Eine Erinnerung.“; Edition Memoria; Hürth bei Köln/Wien, 2002. (kompletter Stücktext und Kommentare zur Enstehungsgeschichte)


Biographien

Sabine Fischmann wurde 1974 in Erlangen geboren. Sie absolvierte ihr Klavierstudium, sowie seit 1999 das für sie geschaffene Aufbaustudium Chanson-Gesang an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Sie gewann mehrfach erste Preise bei „Jugend musiziert“ und Auszeichnungen im Bereich Kammermusik und zeitgenössische Musik. Dem Schauspiel Frankfurt stand sie als Korrepetitorin und Pianistin zu Verfügung, ebenso verschiedenen Solisten im Bereich Chanson. Sie ist Mitglied der Frankfurter Theatergruppen „Ensemble Apart“ und „Trio Kujon“, sowie des „Neuen Frankfurter Schulorchesters“. Sabine Fischmann wirkte bei zahlreichen Theater- und Musikfestivals, CD-, Rundfunk- und TV-Produktionen mit. Sie gilt als der neue Shooting-Star der Kleinkunstszene Rhein-Main. (www.sabinefischmann.de)

Martha Marbo wurde 1922 in Wien geboren. Als Tochter eines antifaschistischen Landeshauptmanns erfuhr sie als Jugendliche die Repressalien der Wiener Nazis am eigenen Leibe. Sie schloss in Wien die Schauspielschule am Max-Reinhardt-Seminar mit Auszeichnung ab, ihr Debut gab sie bei den Salzburger Festspielen. Es folgten Engagements am Burgtheater Wien, in Heidelberg, Wiesbaden, Kiel, Hamburg, Köln und Frankfurt am Main (Städtische Bühnen, Fritz-Remond-Theater, Komödie). Sie arbeitete unter Regisseuren wie Peter Palitzsch und Franz Peter Wirth und spielte an der Seite von Manfred Krug, Josef Meinrad, Michael Heltau, Hans-Joachim Kulenkampff, Ernst Stankovski und vielen anderen auf der Bühne, in Fernsehen und Film. Ihre letzte Rolle war die der „Lola Blau II“ in Jo van Nelsens Inszenierung bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen, die sie mit viel Freude und Enthusiasmus zum Leben erweckt hat. Martha Marbo verstarb am 09.November 2004.


Pressestimmen

BROADWAY? BAD VILBEL!

(…) Pointiert, geistreich und anrührend ist dagegen die erfrischende Revue „Lola Blau“ im Nachtprogramm des Burgkellers. Ein Musical für eine Schauspielerin, 1970 geschrieben von dem Wiener Kabarettisten Georg Kreisler, das Jo van Nelsen mit der Sängerin Sabine Fischmann (trefflich in der Titelpartie) eingerichtet hat. In einem Rückblick lässt die alte Lola ihr wechselvolles Leben szenisch und musikalisch vorüberziehen. Ihre Anfänge als junges Theatertalent, über die Vertreibung aus Nazideutschland bis hin zum Durchbruch in Amerika und zur Rückkehr in die Heimat, nach Wien.

Selten war diese kleine musikalische Revue so eindringlich. Entgegen der Originalfassung hat Jo van Nelsen eine zweite Rolle eingeführt: die Diseuse als betagte Dame, die, am Rande sitzend, ihren eigenen Werdegang verfolgt. Ihre ganze Kraft bekommt diese Rolle durch die Persönlichkeit Martha Marbos, einer gebürtigen Wienerin, die Jahrzehnte treu zum Ensemble des Frankfurter Fritz Rémond Theaters zählte – und mit ihr stehen 50 Jahre Theatererfahrung auf der Bühne. Am Schluss ihr letzter Auftritt. Vorsichtigen Schrittes bewegt sich die Grande Dame ans Mikro und hebt zum bitter-ironischen Kommentar an. „Tralala – so ist das Leben“, singt, nein, haucht sie ihr leises Chansons. Wehmütig, selbstvergessen, mit dem milden Lächeln von Altersweisheit. „Tralala – so ist das Leben“. Nur ein paar Takte – und die Nacht hält für einen Augenblick den Atem an.

Daniel Güthert, journal frankfurt 14/03

 

Premiere im Keller der Wasserburg mit Ovationen gefeiert +++ Sabine Fischmann einfach umwerfend+++ Nelsens Meisterstück: "Lola Blau"

Sabine Fischmann  kann singen. Und wie! Und sie ist  dazu auch noch eine großartige Mimin. Kein Wunder also, dass die  Premiere der Burgfestspiele: "Heute Abend: Lola Blau" zu einem weiteren Triumph für die junge  Künstlerin auf der Bad Vilbeler  Burgkeller-Bühne wurde. Ihr zur  Seite stellte Regisseur Jo van Nelsen Martha Marbo, die wunderbar  behutsam das erinnerte Leben der  Lola Blau begleitet und sich gekonnt mit pointierten Auftritten in  Szene zu setzen weiß. Marbo spielt eine Figur, die in  dem von Georg Kreisler konzipierten und Anfang der 70er Jahre uraufgeführten "Musical für eine  Schauspielerin" so gar nicht vorkommt. Ein Geniestreich, den sich  Jo van Nelsen für seine dritte Regiearbeit in der Quellenstadt hat  einfallen lassen, um nicht nur einen "überdimensionierten Chansonabend" vor einem Rahmenhintergrund zu inszenieren. (…) Fischmann zeigt eine beeindruckende Wandlungsfähigkeit im Minutentakt. (…) Überzeugend ist  die Fischmann in den lauten wie  den leisen Tönen, etwa beim melancholischen "Ich hab dich zu vergessen vergessen". Das Musical  lebt von beiden Akteurinnen, die  mit wenig Requisiten  auskommen.  Sabine Fischmann als Lola Blau  ist einfach umwerfend. Sie wandelt sich vom naiven Mädchen, das  von Politik nichts wissen will, zur  desillusionierten Kabarettistin.  Die Musik kommt vom Band, eingespielt vom Ensemble "Die  Frankfurter Frühjahrskollektion"  (Leitung: Markus Neumeyer). Am  Ende gab es stehende Ovationen  und jede Menge Blumensträuße.

Christine Wieberneit, Bad Vilbeler Anzeiger, 24.06.03

 

(…) Ungeschönt und straff inszeniert Jo van Nelsen die Geschichte von Emigration und Rückkehr der jungen jüdischen Schauspielerin Lola Blau. Klug setzt er die Schnitte, streicht hier ein Lied, da eine Strophe. Dafür bekommt der Kreislersche Hintergrund-Soundtrack gelegentlich ein neues Gesicht, etwa mit Dreißiger-Jahre-Schlagern wie Einmal schafft's jeder. Außerdem mischt die "Frankfurter Frühjahrskollektion" unter der Leitung von Arrangeur und Pianist Markus Neumeyer die ursprüngliche Klavierfassung mit Saxofon, Oboe, Kontrabass und Schlagzeug gründlich auf.
(…) So kommt es, dass man sich glatt nach den Live-Musikern umsieht. Aber nicht lange. Denn die 1974 in München geborene Hauptdarstellerin ist so wandlungsfähig, dass man sie die Nina Hagen des Chanson nennen könnte. Scheu vor Peinlichkeiten ist ihr fremd. Stattdessen setzt sie sich mit Haut und Haaren ihrer Rolle und dem Publikum aus. Wenn sie beschließt, naiv zu sein, ist sie so naiv, dass es kaum zu ertragen ist. Geht es um Anzügliches, kennt sie keine falsche Scham. Setzt ihre Stimme nach Opernmanier ein, schallt es gewaltig.
(…) Dennoch wollte der 1968 in Bad Homburg geborene Regisseur Sabine Fischmann den Spagat zwischen alter und junger Lola nicht zumuten. Stattdessen spielen sich nun zwischen den beiden Lolas bewegende, manchmal fast zärtliche Szenen ab, gelegentlich auch herrlich alberne, wie im Lied vom zweitältesten Frauenberuf der Welt, in dem die Ältere überwiegend für das "Uh!" zuständig ist.
(…) Zum Schluss haben beide wieder das graumausige Strickjäckchen an (Kostüme: Nadine Anne Blum), in dem alles begann. Im Duett singen sie Denn tralala, so ist das Leben. Leise ist das. Sehr leise sogar. Aber es tönt noch lange nach.
 

Annette Becker, Frankfurter Rundschau, 24.06.2003

 

(…) Der vielseitige Jo van Nelsen hat es jetzt, im Rahmen der 17.Bad Vilbeler Burgfestspiele, im Keller der Burg zu später Stunde inszeniert und in diese Produktion eine Reihe von originellen Einfällen einfließen lassen. Denn er lässt nicht nur eine reife Sängerin sich erinnern, sondern besetzt sie als junge Frau mit einer anderen Darstellerin. Nicht die kontinuierliche Metamorphose also, sondern der Gegensatz von damals und heute wird auf diese Weise betont. Mit Martha Marbo und Sabine Fischmann hat er eine glückliche Besetzung realisieren können: Der einen mit ihrem lebensklugen Gesicht glaubt man den Reichtum von Erfahrungen, die andere darf mit jugendlicher Vitalität und Unbekümmertheit, aber auch mit sicherem musikalischen Talent agieren.

(…) Der Regisseur will uns keine bloß spannende Geschichte erzählen, sondern den bestimmenden Einfluss der Politik gerade auch auf naive Gemüter darstellen: Hinter den harmlosen Schlagertexten lauert das Unheil.

Adolf Fink, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2003

(…) Unter der einfallsreichen Regie von Jo van Nelsen konnten Sabine Fischmann und Martha Marbo die Geschichte um die zunächst unbedarfte Schauspielerin Lola Blau erzählen. Heraus kam ein Stück, das das Publikum mitnahm und für begeisterte Kommentare sorgte.

(…) Der Wiener Chansonnier Georg Kreisler hat dieses Musical für seine damalige Frau Topsy Küppers geschrieben. Das „Musical für eine Schauspielerin“ sei eigentlich „ein aufgeblasener Chansonabend“, sagt Jo van Nelsen. Ihm ist es gemeinsam mit seinen beiden überzeugenden Darstellerinnen allerdings gelungen, daraus die Erzählung einer Flucht zu machen und zugleich ohne belehrenden Zeigefinger zu unterhalten. Der ursprünglich einen Schauspielerin stellte van Nelsen die alte Lola Blau, gespielt von Martha Marbo, zur Seite. So dass die nach Kreislerscher Art sarkastisch getexteten Lieder auch aus dem Mund der jungen, naiven Lola glaubwürdig werden. Die „alte“ Lola schöpft aus ihren Erinnerungen; die junge durchlebt sie. Und die „alte“ Lola schlüpft in die verschiedenen Nebenrollen hinein, ist mal Schiffspassagier, Hauswirtin oder lüsterner Theaterdirektor. Aber was immer die Jüngere tut, die Ältere scheint sie, einem beschützenden Engel gleich, zu umgeben, scheint sie auch im schlimmsten Absturz noch zu bewahren.

(…) Insgesamt haben Jo van Nelsen, Sabine Fischmann und Martha Marbo eine eindrucksvolle, gefühls- und ausdrucksstarke Lola Blau auf die Bühne gebracht, die keine(n) gleichgültig lässt und die man deshalb so schnell nicht vergessen wird. Waren schon die letzten Inszenierungen van Nelsens Kabarett und mitternächtliche Unterhaltung vom Feinsten, haben die Beteiligten sich mit „Lola Blau“ noch einmal gesteigert.

Andreas Hofmann, Wetterauer Zeitung, 23.06.2003

Es ist ein Stationendrama, für das Kreisler ein paar wunderschöne Chansons kreiert hat, für dessen eigentliche Erzählung er aber keine Form gefunden hat. Zu Recht kritisiert Jo van Nelsen, der das Stück nun für die Bad Vilbeler Burgfestspiele in Szene gesetzt hat, daß es »dramaturgisch äußerst grob gestrickt« und nicht einmal ein Musical sei, sondern bloß eine Aneinanderreihung von Chansons. An diesem Prinzip – die Chansons werden durch die Figur eines Stichwortgebers verbunden – kam natürlich auch ein van Nelsen nicht vorbei. Aber er hat es abgemildert; die Handlung dreht bei ihm die hoch betagte Schauspielerin Martha Marbo weiter, die das so diskret und fein macht und die, zumal wenn sie die Überbringerin schlechter Nachrichten ist, sich so traurig auf ihren Stock stützt, daß man an der plumpen Erzählweise kaum noch Anstoß nimmt. Doch egal, da muß durch, wer zur Hauptsache des Abends kommen will, zu dem beschwingten musikalischen Neuarrangement von Markus Neymeyer und zur fabelhaften Sabine Fischmann, die die Chansons interpretiert und dabei zugleich ihre Lola Blau so spielt, daß aus der didaktischen Kunstfigur eine lebendige Frau wird. Sabine Fischmann macht den Mund auf, und man glaubt ihr, zuerst die unbedarfte, kecke Zwanzigjährige, die einmal die Garbo des Burgtheaters werden wollte, und später die aus der Emigration zurückgekehrte Sängerin, die nun nicht mehr auf die Politik pfeift, sondern aufs Theater, das ihr zur träge ist und zu verlogen. Lola geht stattdessen ins aufmüpfige Kabarett, wo sie in der Version von Jo van Nelsen alt und grau wird und wo am Ende Martha Marbo ihre Rolle übernimmt.

                                                                       Jutta Baier, Strandgut 08/03