Die Göttin der Außenseiter: Zum Tod von Hildegard Knef.

7.Februar 2002. Donnerstag Mittag. Rote Rosen soll es gleich regnen. 1000 Stück. Auf ihr Grab. Ein Ehrengrab. Gestiftet von der Hauptstadt eines Landes, dessen Schönstes es war, ihr in regelmäßigen Abständen die Ehre abzuschneiden, ihr schlichtweg die Existenzberechtigung abzusprechen, wenn sie einmal wieder gar zu laut wurde, sich wieder einmal getraut hatte, zum falschen Thema hemmungslos subjektiv, und gerade eben damit oft ins Schwarze treffend, Stellung zu nehmen: Hildegard Knef.

Zu-Jung-Star. Heimatflüchtige. Sünderin. Ehebrecherin. Tonsuchende. Spätgebärende. Literaturepigonin. Krankheitsvermarkterin. Nestbeschmutzerin. Liftinghomunkulus. Comebackmuttchen. Senfzugeberin. Dies sind in chronologischer Reihenfolge die Etiketten, die ihr die Deutschen – und besonders die deutsche Presse – übelnehmerisch im Laufe ihrer vielen Karrieren anhefteten. Sie stempelten die Knef so immer wieder zur Außenseiterin – und machten sie damit gleichzeitig zur Göttin der Außenseiter. Aber anders als die anderen von den Außenseitern gewählten Göttinnen war sie nicht unerreichbar – im Gegenteil: etwas in ihr trieb diese Frau zur permanenten Offenlegung ihres Lebens, ihrer Gefühle, Gedanken, ihres Gewissens.

In ihren Liedtexten ist sie immer mit sich kongruent, ein Idealfall für Interpretin und Publikum. In ihren Büchern vermittelt sie Leben als ein zu erkämpfendes Geschenk, als ein Lehrstück, das durchlitten und durchlacht werden will, als ewige Bewehrungsprobe in Wahrhaftigkeit. Und das in einem Schreibstil, der wieder so Ausdruck ihrer selbst ist, ihrer scheinbaren Härte, ihres Trotzes, ihrer Ironie mit der sie eben diesen Lebenswechselbädern zu begegnen versucht, dass dieser Stil schon fast zur Parodie reizt – oder allein beim Gedanken an die Knef sich so der eigenen Schreibe aufdrängt, dass der Autor dieser Zeilen schon lachen muss.

Die schwulen Außenseiter liebten die Knef nicht nur für ihren Intellekt – der reizte eher ihr weibliches Publikum, das staunend die Vereinbarkeit von wortgewaltiger Aufmüpfigkeit gegen eine vom Star lebenslang angeprangerte Männerwelt und offengelebter erfüllter Erotik an der Seite jüngerer attraktiver Männer zur Kenntnis nahm.

Für die Schwulen kam hinzu, dass den schönen Kopf der Knef die Gloriole des Glamours umgab: Hollywood, Broadway, UFA! Ohne dies wäre die Knef bei vielen Schwulen wahrscheinlich als lästige intellektuelle Heulsuse, die nicht singen kann, durchgefallen. Dass sie diesen Nimbus aber nie aufdringlich vermarktete, sich also nicht wie ihre Freundin Marlene Dietrich zur lebenslänglichen Ikone stilisierte, sondern sich zumutete, sich selbst wie dem Publikum stets zur Diskussion stellte, das machte die Knef zu einem erreichbaren Star, einem, dem man trauen konnte, dem man in seiner Wahrhaftigkeit die eigene (oft ängstlich versteckte) Wahrheit anvertrauen durfte. Die Knef hatte in den prüden Sechzigern Coming-out-Stellvertreter-Funktion für viele Außenseiter, die sich durch sie verstanden fühlten, ohne dass die Knef je dem Lobbyismus verfallen wäre.

In ihrem Buch „So nicht“ beschreibt sie dann auch folgerichtig ihre dankbare Verwunderung, als sie bei ihrem Comebackauftritt 1979 auf dem Berliner Tuntenball wie eine Kaiserin gefeiert wird: „Einige springen auf die Bühne, quetschen mir Sträuße zwischen Hände und Mikro, umarmen mich; fahnenstangenlange Knef-Kopien tauchen pferdeähnlich vor erstauntem Original auf, Transvestitenperücken verrutschen, Wimpern fallen, Tränen kullern. ‚Hilde Hilde Hilde.’ ‚Gebe Gott, dass sie nach der Show noch genauso ausgeflippt sind’, denke ich bebend.“ Sie waren und blieben so ausgeflippt – ihre Fans aus der Aussenseiterkurve. Und ihre Lieder werden hier noch gesungen werden, wenn andere nur noch „Ole Ole Ole“ schreien (oder, wie auf der Trauerfeier geschehen, den schwulen Berliner Oberbürgermeister lautstark ob seines „unchristlichen Lebenswandels“ diskreditieren wollen). Hilde Hilde Hilde – Danke.

Empfehlung:

Eine wirklich kritisch-analysierende Biographie des Phänomens Knef steht noch aus.

Deshalb nach wir vor als Muss-Empfehlung ihr erstes biographisches Buch „Der geschenkte Gaul“. Wer gern in Antiquariaten stöbert: Ausschau halten nach den Fortsetzungen  „Das Urteil“ und „So nicht“.

Die frühen Knefaufnahmen auf CD gibt es bislang am Komplettesten in der lohnenswerten 7-CD-Box „Für mich soll´s rote Rosen regnen“ (east west 0630-12998-2). Die letzte Knef-CD „17 Millimeter“ (1999; Red Moon 3984-29736-2) ist ein Schmankerl auch für Jazz-Fans. Bislang Unveröffentlichtes will Warner Music in den nächsten Wochen herausbringen.

Text-Copyright by Jo van Nelsen, 2002.  

GAB, März 2002, www.gab-magazin.de


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