CD des Tages:

„Isa Vermehren : Windstärke 12 – Seemannslieder und Balladen“

(LC 08681 – Edition Berliner Musenkinder/ duo-phon; Best.No: 05 30 3; © 2002)

Autor: Jo van Nelsen

Redaktion: Renate Burtscher

Musik TT: 14.00 – Text TT: 6:30

 

SprecherIn:

 

Unsere heutige CD des Tages stellt, in rund 70 Jahre alten Aufnahmen, Zeugnisse einer ungewöhnlichen Grenzgängerin vor.

Vielleicht erinnern sich ja einige von Ihnen noch an die freundliche und lebenskluge Nonne, die ab Mitte der Achtziger Jahre das eher dröge „Wort zum Sonntag“ in der ARD mit ihrer Verschmitztheit aufpeppte und zum plötzlichen Quotenschlager werden ließ? Und wer von Ihnen ein Kabarettkenner oder Kabarettkennerin ist, wird sich damals bei der Namensschlusseinblendung vielleicht erstaunt gefragt haben, ob die hier „Ordensschwester Isa Vermehren“ genannte Dame identisch sei mit der gleichnamigen Kabarettistin der Dreissiger Jahre, die sich mit eher weniger gottesfürchtigen Seemannsliedern einen Namen gemacht hatte. Und tatsächlich: Isa Vermehren, die vor zwei Tagen im Kreise ihrer Mitschwestern ihren 84.Geburtstag begehen konnte, war vor rund 70 Jahren der jüngste Star des Berliner Kabaretts und machte Furore als das „Original von der Wasserkante“:

 

 

Einspielung 1:

Track 7: Das Original von der Wasserkante (T: Aldo von Pinelli, M: Edmund Nick; I.V. und ihr Schifferklavier, 1934) – 01:59

 

 

SprecherIn:

 

1918 war Isa Vermehren in der freien Hansestadt Lübeck geboren worden, und die Freiheit vor allem der Gedanken war auch den liberalen Eltern der Isa Vermehren ein kostbares Gut. So empfinden sie es als durchaus richtig, dass ihre Tochter im Frühjahr 1933 beim frisch eingeführten Hakenkreuz-Fahnenappell auf dem Schulhof den Sinn dieser Aktion hinterfragt und schließlich den Gruss verweigert – was zum sofortigen Rausschmiss aus dem gleichgeschalteten Gymnasium führt.

Isa Vermehren nimmt das als Zeichen und verlässt die engen Gassen Lübecks, die vor ihr ja auch schon Thomas Mann als so beklemmend empfunden hatte. Mit ihrer Mutter geht sie nach Berlin, nimmt ihr Akkordeon unter den Arm und stellt sich bei einem der bedeutendsten Conferenciers und Kabarettleitern der frühen 30er Jahre vor, nämlich Werner Finck. Der ist so begeistert von dem unverstellten Charme und der ungekünstelten Vortragskunst der 15-jährigen, dass er sie vom Fleck weg mit ihren Seemannsliedern  und –balladen engagiert. Ein Glücksgriff, wie ihm auch bald die Presse bestätigt: Die Berliner Morgenpost spricht von einem „Naturereignis“ und die Berliner Volkszeitung schreibt: „Bestes Kabarett und hohes höchstes Lob verdient Isa Vermehren, wenn sie mit unbeschreiblich frechem Gesicht ihre Lieder zum Schifferklavier singt, wenn sie grinst und pfeift wie ein Fuhrknecht; man möchte viele freundliche Worte sagen, aber man weiß nicht, ob sie sich nachher nicht eins drauf pfeift.“

Zu den traditionellen Shanties und Gesängen (allen voran ihr Hit „Eine Seefahrt, die ist lustig“, der sie über Schallplatte und Film bald im ganzen Reich bekannt macht) gesellen sich nach kurzer Zeit speziell für sie geschriebene Lieder und Chansons „im Volkston“, wie das damals hiess: Vertont vom musikalischen Leiter ihres Stammkabaretts „Die Katakombe“, dem auch Klassikfreunden bekannten Komponisten Edmund Nick, lässt sich Isa Vermehren im nächsten Lied über die geschickte Verewigung ihres Konterfeis auf dem Leib des von ihr geliebten Seemannes aus – ein früher Beitrag also über die heute wieder so gefragte Kunst des Tätowierens...

 

 

Einspielung 2:

Track 6: „Tätowier mir keinen Anker“ (T: Kurt Bortfeldt; M: Edmund Nick; I.V. und die 3 Rolands; 1935) – 02:42

 

 

SprecherIn:

 

Isa Vermehren und die 3 Rolands – wieder zu hören nach rund 70 Jahren auf der jetzt bei duo-phon erschienen CD „Isa Vermehren: Windstärke 12 – Seemannslieder und Balladen“, unserer CD des Tages.

Zum Zeitpunkt dieser eben gehörten Aufnahme, dem November 1935, existierte das Stammkabarett der Isa Vermehren, die Berliner „Katakombe“, schon nicht mehr. Lange hatte das Kabarettensemble unter der Leitung von Werner Finck der Humorlosigkeit der neuen braunen Machthaber widerstanden und galt vielen als ein letztes satirisches Bollwerk gegen den Naziterror. Werner Finck kommentierte die immer häufiger werdenden Drohungen aus dem Goebbels-Ministerium lakonisch wie folgt von der Bühne herab: „Gestern war die „Katakombe“ zu, heute sind wir wieder offen. Wenn wir morgen zu offen sind, sind wir übermorgen wieder zu...“

Und tatsächlich: Am 10.Mai 1935 folgt das ultimative Aus. Viele von Isa Vermehrens Kollegen werden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaftet und ins Konzentrationslager Esterwege gebracht. Ein Weg, der Isa Vermehren erst 9 Jahre später, dafür aber umso grausamer, bevorstehen sollte.

 

 

Einspielung 3:

Track 13: „Kleines Hafenlied“ (T: Hans Leip, M: Robert T.Odeman; I.V., am Flügel: Robert T.Odeman; 1934) – 03:23)

 

 

SprecherIn:

 

Isa Vermehren, die auch die leisen Töne beherrschte, wie das eben gehörte „Kleine Hafenlied“ aus der Feder von Hans Leip, dem Dichter der „Lili Marleen“, bewies – Isa Vermehren kam 1939 mit Kriegsbeginn zur Truppenbetreuung an die Front. Hier besann sie sich auf ihre klassische Musikausbildung und unterhielt die Truppen von Frankreich bis Russland mit einem kleinen Instrumental-Ensemble, bis 1944 ihr im diplomatischen Dienst tätiger Bruder sich zu den Engländern absetzte. Isa Vermehren und ihre Familie wurden sofort in Sippenhaft genommen – und die grauenhafte Verschleppung in die KZs Ravensbrück, Buchenwald und Dachau nahm ihren Lauf. Isa Vermehren hat als eine der ersten der Überlebenden darüber schriftlich Zeugnis gegeben in ihrem ergreifenden Buch „Reise durch den letzten Akt“.

Kraft gegeben in dieser und der nachfolgenden Zeit hat Isa Vermehren ihr Glaube: Angeekelt von der Brutalität der Nazis hatte sie sich gefragt, ob es in Zeiten der etablierten Lüge und Gewalt noch Wahrheiten gäbe, für die es zu leben lohnt: 1938 fand sie ihre Antwort und trat zum katholischen Glauben über und trug sich fortan mit dem Gedanken, ins Kloster zu gehen – ein Wunsch, der sich erst 1951 erfüllen sollte. Als Leiterin eines katholischen Mädchengymnasiums und ab 1983 dann im „Wort zum Sonntag“ trat Schwester Isa Vermehren mit viel Humor und neugieriger Wachheit für ihre Ideale ein. Zuletzt konnte man sich davon vor einigen Wochen überzeugen, als Isa Vermehren als Zeugin des Jahrhunderts in der gleichnamigen ZDF-Reihe dem Journalisten und Kabaretthistoriker Volker Kühn Rede und Antwort stand. Er war es auch, der die nun bei duo-phon/Edition Berliner Musenkinder herausgekommene Wiederveröffentlichung ihrer Kabarettlieder initiierte, zum Teil versehen mit bisher unveröffentlichten Privataufnahmen, Filmsoundtracks und skurrilen Werbeschallplatten.

Besonders ans Herz gehend dabei eine weitere Vertonung eines Hans-Leip-Gedichts von Robert T.Odeman, später selbst Dichter; auch er landete übrigens wie Isa Vermehren in den 40er Jahren im KZ, nämlich im KZ Sachsenhausen als Häftling mit dem Rosa Winkel.

In unserem letzten Beispiel aus unserer CD des Tages „Isa Vermehren: Windstärke 12 – Seemannslieder und Balladen“ ist Robert T.Odeman am Flügel zu hören. 1934 entstand seine Komposition, da war Brecht/Weills „Matrosen-Tango“ gerade mal 4 Jahre alt... Titel des Liedes: „Ein Mädchen von der Wasserkante spricht zum Großvater“.

 

 

Einspielung 4:

Track 17 „Ein Mädchen von der Wasserkante spricht zum Großvater“ (T: Hans Leip; M: Robert T.Odeman; I.V., am Flügel: R.T.Odeman, 1934) – 05:56