Hr2 „Die Alternative“

CD des Tages

Red. Renate Burtscher

„Hildegard Knef in Concert“; Warner Music 2002; LC 03708

Autor: Jo van Nelsen

Text: ca. 4:19

Musik: ca. 14:10

 

„Ach, wär ich doch zur Post gegangen“, soll sie vor jedem Bühnenauftritt gesagt haben. Und: „Ich wünschte, ich wäre überall, nur nicht hier. Die ganze Stadt schient sich auf unsere Vernichtung vorzubereiten. Eine Familie möchte ich haben, ein Zuhause, Kinder; meinetwegen einen Mann, der trinkt, alles – nur keine Premiere!“ Wer hätte das gedacht von Hildegard Knef, dem deutschen Top-Star, der doch immer so berlinisch-kaltschnäuzig daherkam?

Doch vielleicht war es ja gerade das geballte Lampenfieber, das die Auftritte der Knef so energiegeladen und oft überwältigend werden liess, wie viele Zeitzeugen berichten. Am 1.Februar dieses Jahres ist die Allround-Künstlerin gestorben. Seitdem häufen sich die CD-Veröffentlichungen, auf die man zu ihren Lebzeiten vergeblich hatte warten müssen. Fast das gesamte musikalische Oeuvre der Knef liegt inzwischen frisch digitalisiert vor, auch so manches der letzten Lebensjahre, was besser im Giftschrank hätte verwahrt bleiben sollen.

Herauszuheben aus den nicht endenwollenden und –sollenden Re-editions ist nun aber eine Doppel-CD mit dem Titel „Hildegard Knef in Concert“, unserer CD des Tages.

 

 

Einspielung 1

CD 1, Track 1: Intro + In dieser Stadt (Charly Niessen/Charly Niessen)

4:00 (Musikende bei 3.43 – Applaus bitte blenden)

 

 

Mit diesem Lied begann Hildegard Knef üblicherweise ihre Livekonzerte, eine persönlich gefärbte Erinnerung an ihre Jugend in Berlin – gleichzeitig ganz allgemein Erinnerungen bei ihren Zuhörern weckend. Dies war die große Kunst der Knef: aus der persönlichen Nabelschau, die sie exzessiv und mit Hingabe betrieb, das Allgemeingültige blitzen zu lassen. Eine Kunst, die für einen guten, die Zeitläufte überstehen sollenden Chansontext ein absolutes Muss darstellt. Hildegard Knef beherrschte diese Kunst und wurde dafür verehrt und geliebt. Als sich die so erfolgreiche Bühnen- und Filmdarstellerin 1966 entschloss, für ihre seit einigen Jahren recht erfolgreichen Schallplatten selbst die Texte zu schreiben, begann eine dritte Karriere, an die sie nie so richtig geglaubt hatte. Noch Jahre später zitierte sie gerne die große Ella Fitzgerald, die einmal über sie gesagt hatte: „Sie ist die größte Sängerin ohne Stimme.“ So war die Knef immer abhängig von guten Arrangeuren und musikalischen Begleitern, für die sie einen guten Riecher hatte. Ob Les Humphries oder Kai Rautenberg, oder – wie auf den Aufnahmen unserer CD des Tages – Kurt Edelhagen und Günter Noris: Die Knef umgab sich immer mit absoluten Spitzenmusikern, die auf der Höhe ihrer Zeit waren, in diesem Fall des Jahres 1966.

 

Einspielung 2

CD1, Track 7

„Gestern hab ich noch nachgedacht“ (Charly Niessen/Hildegard Knef)

1:50 (Musikende bei 1.37 – Applaus bitte blenden)

 

 

 

Hildegard Knef mit einem eigenen Text, begleitet von Günter Noris und seiner Combo. Sie hören die Alternative in hr2, unsere CD des Tages heute „Hildegard Knef in Concert“. Diese erste Tournee der Knef 1966 war ein großartiger, vielbeachteter Erfolg. Auch wenn sich so mancher an ihrem ganz und gar nicht divenhaften Auftreten störte. Gerade das aber macht die Knef in den aufbegehrenden Endsechzigern zum Bindeglied zwischen der radikalen studentischen Jugend und der verdrängenden Elterngeneration – der sie 4 Jahre später mit ihrer Biographie „Der geschenkte Gaul“ eine klare Absage erteilte. Doch mancher Kritiker wollte per se übelnehmen: Eine Frau, die schreibt, kaum Stimme hat und doch – unerhörterweise – schon auf anderen Gebieten mehr als erfolgreich ist, sogar im Ausland, das war zuviel! Da passierte es denn beispielsweise einem Kritiker in Wien, dass er zum Beweis der Unfähigkeit der Knef als Texterin einen der wenigen Texte auseinandernahm, der nicht von ihr stammte – sondern von keinem geringeren als Kurt Tucholsky! Auch dieses Corpus delicti ist auf unserer CD des Tages vertreten: Von Kurt Tucholsky „Liebespaar am Fenster“ und danach Hildegard Knefs Liebeslied „Ich wollte dich vergessen“.

 

 

Einspielung 3

CD 1, Track 11 und 12 (durchspielen lassen!)

„Liebespaar am Fenster“ (Charly Niessen/Kurt Tucholsky)/ Applaus/ „Ich wollte dich vergessen“ (Gert Wilden/ Hildegard Knef)

Gesamtlänge 5:36 (Musikende Track 12 bei 2.13 – Applaus bitte blenden)

 

 

„Hildegard Knef in Concert“ – unsere CD des Tages in der Alternative in hr2.

Um genauer zu sein: Unsere Doppel-CD des Tages, denn die ebengehörten Mitschnitte der Knef-Tournee 1966, seit 35 Jahren erstmals wieder veröffentlicht, werden ergänzt von Aufnahmen, die Hildegard Knef 1968 mit dem Orchester Kurt Edelhagen für ihre Tour „Knef Concert“ machte. Vorab übrigens, was dieses „Live-Album“ zur akustischen Mogelpackung mittels einkopiertem Fremdapplaus macht – aber nur so konnte man die Doppel-LP auch gleich bei den Konzerten anbieten! Merchandising in den Endsechzigern... Die Beweglichkeit der Combo-Begleitung von Günter Noris, die die Aufnahmen der ersten Tournee trotz technischer Mängel noch heute so frisch erscheinen lassen, werden in den Edelhagen-Aufnahmen durch feinziselierte Bombast-Arrangements abgelöst, die die kleine Stimme der Knef geschickt kontrapunktieren. Deutsches Jazz-Chanson, wie es heute nicht mehr zu hören ist:

 

Einspielung 4

CD 2 (!), Track 7

„Prost Neujahr“ (P.W.Russell/ Hildegard Knef)

3:13 (Musikende bei 2:59 – Applaus bitte blenden)

 

 

„Hildegard Knef in Concert“ – unsere CD des Tages in der Alternative in hr2. Erschienen ist die Doppel-CD mit den Wiederveröffentlichungen von Konzertmitschnitten der Jahre 1966 und 1968 bei Warner Music.